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Die lesende Frau in der Bildenden Kunst

Untersuchende Beobachtung zum Sujet der lesenden Frau oder des lesenden Mädchens in der Bildenden Kunst.

Zum Sujet der lesenden Frau in der Bildenden Kunst ist erstaunlich wenig bisher bekannt. Gelegentlich wurde es am Rande anderweitiger Untersuchungen gestreift.
Um das Thema zu erschließen, das viele offene Fragen von kulturwissenschaftlichem, kunsthistorischem, historischem, aber vor allem auch frauenspezifischem Interesse und Bedeutung beinhaltet, möchte ich an dieser Stelle ein Forum der Kommunikation, der wissenschaftlichen Bearbeitung und des gegenseitigen Austausches eröffnen.

Zunächst gilt es, eine Bestandsaufnahme der Kunstwerke mit diesem Sujet zu beginnen, wobei weder zeitliche noch geographische oder kulturelle Grenzen gezogen werden sollen. Alle Epochen, Stilrichtungen und Kulturkreise etc. sollen berücksichtigt werden. Die Materialsammlung soll dann zu Untersuchungen konkreter eingegrenzter Fragestellungen befähigen und führen.

Ein sich beständig erweiterndes Verzeichnis erfaßt die mir jeweils bisher bekannt gewordenen Darstellungen lesender Frauen und Mädchen, wobei auch Schreibende miteinbezogen werden. Es liegt in der Natur des work in progress, als was dieses Forum zu begreifen ist, daß diese Nachweisliste der beständigen Ergänzung, Korrektur und des konstruktiven Kommentares bedarf.

Hierfür steht ein Formular bereit, in das Ergänzungen und Korrekturen eingetragen werden können, die dann unter Nennung des Einsenders in die Sammlung eingefügt werden.

Weiterhin wird es in loser zeitlicher Folge Essays zum Thema geben, in denen einzelne Werke besprochen, Bildvergleiche angestellt, themenbezogene Bemerkungen, Hinweise und Überlegungen vorgebracht werden können. Sie sollen anregen zur Diskussion und Kommunikation, Ideengeber spielen, und auch mal über den allzu runden Tellerrand hinausragen. Bei jedem Essay wird die Möglichkeit zur Kommunikation und Gedankenaustausch in Form von weiterführenden Kommentaren/Leserbriefen angeboten.

Neugier ist die Mutter allen Anfangs, oder?

Anfang 2002 fielen mir Postkarten mit Abbildungen lesender Frauen in die Hände. Sie faszinierten mich, zeigten die Karten doch Bilder berühmter und weniger berühmter (oder zumindest mir bis dahin nicht bekannter) Künstler, auf denen diese Maler Frauen lesend dargestellt hatten. Oder, wenn schon nicht offensichtlich lesend, doch dann wenigstens mit einem Buch oder einem Brief in der Hand, wiesen die dargestellten Frauen und Mädchen auf unterschiedliche Epochen und Situationen hin.
Meine Neugierde war geweckt. Ich begann mich dafür zu interessieren, ob es noch mehr solcher Lesender Frauen und Mädchen in der Bildenden Kunst gäbe. Erinnerlich waren mir sofort etliche Bilder der amerikanischen Malerin Mary Cassatt und natürlich auch Bilder von Renoir, oder auch die berühmte „Briefschreiberin" von Ter Borch. Ich entsann mich, noch mehr Darstellungen gesehen zu haben, konnte sie aber nicht sofort lokalisieren.
Und überhaupt, warum eigentlich erregten diese Darstellungen mein Interesse, warum zogen sie meinen Blick so hartnäckig auf sich? Es war das Buch, das den Ausschlag gab, es war dieser Focus, der mich in den Bann schlug. Ein gemaltes Buch implizierte für mich eine solch große Bedeutungsvielfalt, daß ich begann zu überlegen, warum , wieso, wann, wie, von wem...
Meine Begeisterung für das Thema übertrug sich auf meine künstlerische Arbeit und führte zu meinen Bildern „Die lesende Frau", die ich als „Hommages" in Stoff (Stoffcollagen) gestaltete. Sie sind auch als Multiple Buch „Die Lesende Frau, Reading Woman" vorhanden.
Neben meinem nunmehr geschärften Blick auf Lesende Frauen, wo immer ich mich befand, entstand nach und nach eine Nachweisliste von Bildern dieses Sujets. Es wurde mir bewußt, daß eine solche Sammlung auf schier unbegrenztes Wachstum hinsteuern würde. So entschied ich mich, andere daran teilhaben zu lassen, sodaß in lebhafter Kommunikation eine Materialbasis entstehen würde, die Anstoß zu detaillierten Forschungen auf diesem Feld geben könnte. Zugleich wäre auch ein Austausch nicht nur über die Quellenlage denkbar, sondern könnte auch den jeweiligen Stand der Forschung in Einzelfragen bzw. Teil- oder Randgebieten erfassen.

Fragen über Fragen

Ich hatte mit einer "wilden" Sammlung von Abbildungen Lesender Frauen, wo auch immer sie mir begegneten, begonnen, um für meine künstlerische Arbeit eine Basis zu finden, wobei an eine systematische Erfassung überhaupt nicht gedacht war.
Allerdings drängten sich mir immer mehr Fragen auf, die in ihrem Zusammenhang standen. Es schien mir, als ob die Lesenden Frauen selbst mir Fragen stellten. So begann ich umgekehrt sie zu befragen.

Fragenkatalog

Dabei bemerkte ich rasch, daß es sich um ein großes Thema handelte, daß es möglicherweise noch nicht in der ihm gerecht werdenden Intensität behandelt worden war, daß sich aber, wo immer auch erwähnt, reges Interesse daran zeigte.
Einigen Fachleuten legte ich meinen vorläufigen Fragenkatalog vor und erhielt solch große positive Resonanz, daß ich mich bestärkt sah, dieses Thema für alle ins internet zu stellen. Einer Reaktion darauf sehe ich nun mit größter Neugier und Spannung entgegen.
Ein großes Thema also, ein vielleicht zu großes Thema für nur Einen, aber bestens geeignet für ein internationales Team Interessierter aus den unterschiedlichsten Fachgebieten und Forschungsbereichen! Ein Thema, das sich in viele kleinere Forschungsaufgaben aufteilen ließe, ein Thema mit einem Forschungsgegenstand für einen weiten Kreis von Kunstwissenschaftlern, Sozialwissenschaftlern, Historikern, Kulturwissenschaftlern, Wissenschaftlern, und vor allem für die Frauenforschung, und interessierten Laien war gefunden.

Diesen Fragenkomplex möchte ich zum Anlaufnehmen hier vorstellen. Gewiß werden sich nach und nach noch mehr Fragen einfinden, die auf eine Bentwortung drängen.


  1. Welche Position nimmt das Thema einer lesenden, d.h. gebildeten, intellektuell ernstzunehmenden Frau in der Malerei ein?
  2. In welchem Zusammenhang taucht dieses Sujet auf (Religion, Mythos, Geschichte, Zeitdokument)?
  3. Welche soziale Rolle der Frau läßt sich aus dem abgebildeten Zusammenhang erkennen? Wird sie allein, in Gesellschaft, im Gegensatz zum Mann als Lesende etc. dargestellt? Oder ist es umgekehrt, daß er liest und sie z.B. handarbeitet bzw. zuhört?
  4. Wieviel Selbständigkeit und Unabhängigkeit erlaubt die Darstellung der Frau für diese daraus zu erkennen?
  5. Welche Funktion hat dabei das Buch (Metapher, Symbol) oder auch der Brief? Ist mit seiner Darstellung eine Absicht / Hinweis inhaltlicher Art des Künstlers/ der Künstlerin verknüpft? Will er/sie , macht er/sie damit eine absichtliche oder unabsichtliche Aussage für den Betrachter ?
  6. Hat das Buch, der Brief, eine Funktion im Bildraum über den malerisch-kompositionellen Charakter hinaus? (d.h. will der Künstler/die Künstlerin eine definitive inhaltliche Aussage machen oder benötigt er/sie einen Farbfleck in Form eines Buches, eines Briefes?)
  7. Läßt sich die lesende Frau als Ausdruck einer "emanzipierteren" Auffassung der Frau begreifen?
  8. Wie verhält sich die Wiedergabe einer Lesenden zur Wiedergabe einer Eva, Maria oder Odalisken?
  9. Wie ist die Wirkung auf den Betrachter, potentiellen Käufer gedacht? Ist das Thema ein "Verkaufsschlager" oder eine nackte Schöne doch verkaufsfördernder?
  10. Warum haben Künstler/ Künstlerinnen dieses Sujet z.B. auch beim Porträt gewählt? Oder geriet die Darstellung einer Lesenden zum Porträt? Was haben sonst die Porträtierten in der Hand? (Stickerei, Fächer, Hut...)
  11. Lassen sich Zeiten künstlerischen Schaffens ausmachen, in denen bevorzugt dieses Thema gewählt wurde?
  12. Sind diese Beobachtungen in den zeitgeschichtlichen Rahmen zu setzen? z.B. Frauenemanzipation
  13. Wie ist die Verteilung von Künstler und Künstlerin zu diesem Thema? Unter der Berücksichtigung, daß es in frühen Zeiten kaum Malerinnen gab, bzw. erst im 19. Jh Malerinnen vermehrt auftauchen, um dann im 20. Jh. schließlich den Zugang zu den Akademien zu erringen. Zusammenhang?
  14. Welche Künstler/innen haben sich dem Thema besonders gewidmet? Oder umgekehrt, welche Künstler/innen haben vom dem Sujet keinen Notiz genommen, stattdessen die gängige Darstellung der Frau bevorzugt? Sind Regionale und nationale Unterschiede feststellbar?
  15. Was wissen wir über Auftraggeber und deren Absichten? Kirche, Adel, Bürgertum? Epochen? Entwicklungen?

Das Buch

Das Buch galt und gilt in allen Kulturen als Sinnbild des Wissens, der Wissenschaft schlechthin, ja des liber mundi und liber vitae. Das geöffnete Buch symbolisiert das Buch des Lebens, Gelehrsamkeit und den Geist der Weisheit. Häufig ist das "Heilige Buch" Ort mythischer Vorstellungen und Verehrung, da es mit geheimnisvoller Kraft geladen ist, legt der Schwörende die Hand darauf. Das apokalyptische Buch mit den 7 Siegeln steht für geheimes, göttliches Wissen.

Das Buch ist eines der Acht Kostbaren Dinge des chinesischen Buddhismus.

Auf Bücher (Altes und Neues Testament, Koran) beziehen sich die drei großen monotheistischen Religionen der Juden, Christen und Moslems. Das Buch ist Attribut Christi, der Apostel und einiger Heiliger, so der Hl. Katharina (Thema meines ersten Essays). Auf Darstellungen Mariä Verkündigung wird zumeist die Bibel miteinbezogen.

Neben dem Buch als religiösem Symbol, Zeichen und Metapher steht das Buch der Natur als neuplatonisches Gleichnis, wonach die Natur neben der biblischen Offenbarung als zweite Form der göttlichen Offenbarung in die christliche Welterkenntnis eingegangen ist. Im Mittelalter betrachtete man das Buch der Naturschöpfung als gleichberechtigt mit der Bibel.

Das Buch hat eine lange Geschichte, lange bevor die Buchdruckkunst erfunden wurde, und sie ist eng mit der kulturellen und religiösen Tradition eines Volkes verbunden. Heute wird die DNS, das Genom, gern als Buch des Lebens gleichnishaft bezeichnet.

Ein Buch ist also keineswegs nur irgendein beliebiger Gegenstand, den der Künstler seinem Modell in die Hand gedrückt hat, damit es still hält, wenn das auch durchaus von Künstlern wie von Renoir bekannt genutzt wurde. Andererseits nutzte vielleicht auch gern das Modell die Zeit der Sitzung zum Lesen. Ein Buch, das war sicherlich jedem Künstler bewußt, war immer auch ein visuelles Symbol. Welches aber, hing vom Thema des Bildes ab und war gebunden an Ort und Zeit der Entstehung.

Ist es nun Zufall oder Absicht, wenn Künstler Frauen mit einem Buch in der Hand, es lesend, blätternd, oder schützend an die Brust gedrückt, abbilden?

Lassen sich Zusammenhänge aus einer dokumentarischen Bildersammlung erschließen?

Können wir gelegentlich erkennen, welches Buch da gelesen wird? Ist die deutliche Kennzeichnung des Buchtitels Absicht? Was schließen wir daraus, wenn der Buchtitel im Bildtitel erscheint? Können wir aus dem Bildzusammenhang erkennen, um welches Buch es sich dabei handelt?

Wieder Fragen über Fragen.

Der Brief

Der Brief ist offensichtlich eine Form der Kommunikation, es gibt den oder die Schreibende und den Empfänger bzw. die Empfängerin. Anders wie beim Buch liegt hier immer eine personale wenn nicht sogar eine sehr persönliche Beziehung vor. Sicherlich werden in Darstellungen von Lesenden bzw. Schreibenden Frauen und Mädchen mehr Emotionen beim Betrachter geweckt.

Ich werde dies an einzelnen Beispielen verfolgen und vertiefen.




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