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Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.123. Juli 2003

Schön und klug: Die heilige Katharina von Alexandria

Welche Frau möchte nicht schön und klug und so gemalt sein, wie die Heilige Katharina es wurde von dem Florentiner Maler Onorio Marinari? So bezaubernd gemalt vielleicht schon, aber mit dieser Hintergrundgeschichte? Wohl kaum.

Onorio Marinari (1627 - 1715)

Die heilige Katharina

Wir sehen auf seinem Gemälde eine junge Frau mit weichen ebenmäßigen Gesichtszügen, die vornübergebeugt an einem Tisch sitzt und vollkommen vom Lesen absorbiert scheint. Sie schaut nicht auf, sondern hat, dem langen Studium entsprechend, die Unterarme bequem auf den Tisch gestützt. In den Händen hält sie ein großes, schweres, geöffnetes Buch, das auf einem violetten mit Troddeln und Litze verzierten
Samtkissen ruht. Auch dies zeigt eine offensichtliche Maßnahme zur Erleichterung langen Lesens. Die junge schöne Frau mit dem dunkelbloden Haar, das mit Perlen zusammengehalten scheint, liest voller Intensität und offenbar großer Genauigkeit, da sie wohl vor- und zurückblätternd mit ihrem linken Zeigefinger eine bestimmte Seite geöffnet hält. Wir können sehen, daß das mit einem biegsamen Einband versehene Buch zweispaltig gedruckt ist. Es wurde schon vielfach gelesen, wie Eselohr und geknickte Ecken vermuten lassen. Leider können wir nicht erkennen, um welches Buch es sich handelt. Ein weiteres doch geschlossenes Buch liegt mit einem roten Tuch und einer goldenen Krone bedeckt ebenfalls auf dem Tisch. Auch hier bleibt unsere Neugier ohne Antwort.

Heilige Katharina
Onorio Marinari, Heilige Katharina, in einem Buch lesend, Öl/Leinwand, 92,5 x 119 cm,

Mit freundlicher Genehmigung von: Residenzgalerie Salzburg, Leihgabe Sammlung Schönborn-Buchheim, Aufnahme: Ulrich Ghezzi Oberalm

Das Gewand der schönen jungen Frau umfließt sie aus weicher schillernder Seide, ein gelbes Tuch legt sich gehalten von einer kostbaren Schnalle um sie. Da sie nicht angelehnt sitzt , gibt sie den Blick frei auf eine prunkvoll bestickte Rückenlehne. Der Raum ist abgedunkelt, ein Fenster gibt einen Ausschnitt auf eine hügelige Landschaft wider. Die Lichtquelle ist nicht auszumachen.

Gern würden wir wissen, wer dem Künstler für diese Darstellung Modell gesessen hat. Doch gibt es keinerlei Hinweise, die die Umstände, ja den genauen Zeitpunkt der Entstehung dieses undatierten Gemäldes beleuchten. Tatsächlich soll es möglicherweise eine zeitgenössische Kopie oder gar eine eigenhändige Replik des Künstlers sein. Auch hier gibt es Zweifel, denn das Bild wurde bisher sogar Carlo Dolci (1616 - 1686), seinem Cousin und Lehrer, zugeschrieben und erst kürzlich in einer Untersuchung , im Katalog der Residenzgalerie Salzburg, Onorio Marinari zugeordnet.(1)

Das Werk dieses Florentiner Malers gilt als beispielhaft für die Malerei des Spätbarock. Carlo Dolci war schon zu Lebzeiten berühmt für seine weich modellierten Bildnisse von Madonnen und weiblichen Heiligen, die, da sehr beliebt, von zeitgenössischen Kopisten bevorzugt gemalt wurden und heute die europäischen Sammlungen füllen.

Onorio Marinari (1627 - 1715)

Onorio Marinari wurde am 3. Oktober 1627 in Florenz als Sohn eines unbedeutenden Malers, Sigismondo di Pietro Marinari, geboren. Dieser gab ihm zunächst Unterricht. Später wurde er der beste Schüler von Carlo Dolci, dessen Stil er zu kopieren wußte. Marinari, auch beeinflußt von Pignone und Furini, schuf eine Reihe von Altarbildern für Florentiner Kirchen. Sein Fresko im Florentiner Palazzo Capponi ist datiert auf 1707, während ansonsten nur wenige Werke signiert und dokumentiert sind. Ein Selbstportät als alter Mann soll sich in den Uffizien in Florenz befinden. In seiner Geburtsstadt ist er auch am 5.Januar 1715 gestorben.
Es heißt, sein Werk bedürfe noch der gründlichen Aufarbeitung, vielleicht ist das der Grund, warum dieses Porträt auch nicht derzeit in den Uffizien ausgestellt ist. So mag die auf ihn und sein Werk konzentrierte Forschung durchaus noch Erhellendes zu unserem Gemälde der Heiligen Katharina hervorbringen.

Die Legende

Das Bild stellt eine Personifikation der Heiligen Katharina von Alexandria dar, auch wenn hier das Attritbut des Rades fehlt und auch kein Heiligenschein zu erkennen ist. Die legendäre Märtyrerin, deren Tod für 306 n.Chr. angenommen wird, gilt den Katholiken als eine der 14 Nothelfer, ist Patronin der Philosophen und der Wissenschaft schlechthin. Verehrung erfährt sie nicht nur von Universitäten, Schulen, Frauen und Mädchen, sondern auch von Juristen und Buchdruckern.
Die geschichtliche Existenz dieser Heiligen ist nicht belegbar, aber wie immer ranken sich Legenden um diese Gestalt aus dem 3. Jahrhundert. So soll sie eine Tochter des heidnischen Königs Costus von Griechenland, Syrien und Zypern und seiner Gemahlin Meliade, einer christlichen armenischen Prinzessin gewesen sein. Man sagt ihr neben großer Schönheit eine hohe Intelligenz und Wißbegier nach, sodaß sie angeblich etwa 310 Lehrer im Laufe ihres Studiums unterrichteten.
Einer Verheiratung soll sie sich widersetzt haben. Nach einer Begegnung mit einem Einsiedler und ihrer Taufe habe sie in einer Vision gesehen, wie Christus ihr den Verlobungsring angesteckt habe.
In Alexandria sei sie dem Römischen Kaiser Maxentius begegnet, der auch sie zum heidnischen Opfer zwingen wollte. Ihr aber, der gelehrten Königstochter, sei es in einer öffentlichen Diskussion mit 50 der besten einberufenen Philosophen gelungen, diese mit ihren besseren Argumenten zum Christentum zu bekehren. Daraufhin seien die Philosophen dem Scheiterhaufen überantwortet worden. Katharina selbst sei gefoltert und ins Gefängnis geworfen worden, wo sich die durch beobachtete Wunder überzeugte Wachmannschaft ebenfalls zum Christentum bekehrt hätte. Schließlich sollte Katharina gerädert und gevierteilt werden, aber die Räder wären gebrochen und hätten dabei stattdessen ihre Folterer getötet. Durch dieses abermalige Wunder soll sich das Volk, die Garde und selbst die Kaiserin zum Christentum bekehrt haben, was angeblich auch der ganzen Garde den Tod brachte. Katharina seien nun die Brüste abgerissen und schließlich der Kopf abgeschlagen worden. Aus der Halswunde sei anstelle von Blut Milch geflossen und Engel hätten ihren Kopf auf den Berg Sinai gebracht, wo deshalb das Katharinenkloster entstanden sei.

Die Gestalt der Heiligen Katharina wird heute auch mit der alexandrinischen Philosophin Hypatia aufgrund deren ähnlichem Schicksal zusammengebracht.
Auch diese glänzte, sie lebte im 3./4. nachristlichen Jahrhundert, mit Schönheit und Intelligenz, die ihr zum Verhängnis werden sollte.

Resumée

Hier erfahren wir von einer grausamen Geschichte. Wahr oder unwahr, wie Legenden nun einmal sind, war sie doch mit Sicherheit zumindest in groben Zügen dem Maler bekannt. Um so angenehmer ist es für den Betrachter des Bildes, daß Marinari seine Vorstellung von der Heiligen nicht mit dem grausigen Geschehen der Legende verknüpfte. Vielmehr stellte er die Heilige in ihrer unbeschwerten Jugend und Schönheit dar, wie sie in luxuriöser Umgebung ungehindert sich ihrem Wissensdrang hingeben konnte. Daher übernahm er nur die Krone als Hinweis auf königliche Geburt und das Buch als Attribute und unterließ den Hinweis auf das Rad.
Wir wissen nicht, was ihn zu dieser Form der Darstellung veranlaßte. Gab es vielleicht Vorbilder? Stand womöglich ein Bild seines Lehrers Dolci Pate? Oder hatte dieser das Bild gemalt, oder wenigstens begonnen? Wir wissen es nicht.

Wäre es denn denkbar, daß er den Mädchen und Frauen seiner Zeit das schreckliche Ende dieser vorbildlichen Heiligen vorenthalten wollte, um sie nicht zu entmutigen, selber den Pfad des Lesens und Studierens zu beschreiten?
Wenn man bedenkt, daß auch heute noch in manchen Gegenden der Welt Mädchen und Frauen Bildung verweigert wird, wäre das ein ermutigender Gedanke.


Anmerkungen


Marinari, Onorio vgl. Bild-, Werk- und Künstlerverzeichnis
Groschner, Gabriele, Grenzenlos weiblich in barocken und antiken Darstellungen, Residenzgalerie Salzburg, Salzburg 1999, S. 64 - 67, (Anm.1)

Heilige Katharina von Alexandria: www.heiligenlexikon.de

Carlo Dolci : www.the-wallace-collection.org.uk
DuMont’s Künstlerlexikon, Köln 1997

Hinweise auf weitere Darstellungen der Heiligen Katharina von Alexandria:

In einem Buch aus dem Jahr 1500, das von dem italienischen Buchdrucker und Humanisten Aldus Manutius (um 1450 - 1515) in der neu entwickelten Kursivschrift des Bologneser Stempelschneiders Francesco Griffo (um 1450 - 1518) herausgegeben wurde und die Briefe der Heiligen Katharina beeinhaltet, ist die Heilige stehend mit hochgehaltenem Buch in der rechten und einem Herzen in der linken Hand dargestellt. Das Attritbut des Buches bei diesem Holzschnitt wird nicht der Heiligen Katharina von Siena zugeschrieben, doch das Attribut des Herzes deutet wie auch der Kontext auf diese.
(Alberto Manguel, Eine Geschichte des Lesens, Hamburg 2000, S. 164)


Im Rahmen einer Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins von 1921 „Mittelalterliche Bildwerke aus Frankfurter Privatbesitz“ wurde eine kleine Büste (44 cm) aus Lindenholz, mit den für die Heilige Katharina von Alexandria eindeutigen Attributen Buch, zerbrochenes Rad und Krone auf dem Haupt gezeigt. Die Heilige hält das dicke Buch mit ihrer linken Hand aufgeschlagen, in das ein Viertel eines Speichenrades so eingestellt ist, daß die Öffnung des Buches einen 90 Grad Winkel bildet. Das Kunstwerk aus Bayern wird dem Anfang des 16. Jahrhunderts zugeordnet.
Ebenfalls aus dieser Zeit stammt eine als Hl. Katharina bezeichnete stehende Figur (144 cm hoch), aus Lindenholz geschnitzt, die eine Krone trägt. Weitere Attribute für eine Zuordnung fehlen.
Die im Katalog nicht abgebildeten aber aufgeführten Kunstwerke lassen eine Zuordnung zur Hl. Katharina von Alexandria derzeit leider nicht zu.

(Katalog „Mittelalterliche Bildwerke aus Frankfurter Privatbesitz. Ausstellung im Frankfurter Kunstverein Frankfurt a.M. 7.August.- 4.Oktober 1921, mit einem Vorwort v. O.Schmitt. S. 24 u. Abb. 110, S. 23 u. Abb 105.)
Auch Nr. 62 „Hl. Katharina, deutsch um 1500, gebr. Ton 11,5 cm“, sowie Nr. 109 „St. Katharina und St.Barbara, Bodensee um 1520 ( Jörg Kändel von Biberach ), Flachreliefs, Lindenholz 79 cm“.
Hier könnte es sich vielleicht um die Heilige von Alexandria handeln, da beide Heiligen zu den 14 Nothelfern zählen.









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