ReadingWoman.org / Essays / 2003 / Nr.2: Briefe aus Delft

Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.204. November 2003

Briefe aus Delft

...oder was stand da wohl alles an Liebesschwüren drin? Wie stellt uns Vermeer die Frau seiner Zeit dar?

Die Kunst der Korrespondenz blühte im ausgehenden 17. Jh. in den Niederlanden, da dort die Postzustellung bereits gut funktionierte. Das lebhafte Interesse am Briefschreiben brachte sogar Briefmusterbücher hervor, die weniger fantasiebegabte Schreiber/Innen die Kunst des Formulierens lehren sollten.
Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster
Abbildung 1:
Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster
Johannes Vermeer "van Delft" (1632-1675)
Leinwand, 83 x 65 cm

Mit freundlicher Genehmigung von: Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Aufnahme: Estel/Klut, Galerienummer 1336

Der holländische Maler Jan Vermeer, der von 1632 bis 1675 in Delft lebte und arbeitete, griff das Briefsujet mehrere Male in seinen Bildern auf. Viel ist an gesichertem Wissen über diesen Künstler, der in bescheidenen Verhältnissen lebte, nicht bekannt.

Vermeer gilt als Maler der Stille, Ruhe und der Poesie des Alltags seiner Zeit. Bevorzugt malte er häusliche Szenen, in die er seine weiblichen Modelle platzierte. Sie gehen hauswirtschaftlichen Tätigkeiten nach, musizieren und singen, oder schreiben, lesen oder empfangen eben Briefe.

Es sind schön gekleidete junge Mädchen und Frauen aus gehobener bürgerlicher Schicht, die sich dieser Beschäftigung widmen und die Hausarbeit zum großen Teil einem Hausmädchen übertragen konnten. Wir finden diese eleganten Frauen in sich immer wieder ähnelnder häuslicher Umgebung. Offenbar verwandte der Künstler auch Mobiliar mehrfach als Requisiten wie auch seine Modelle in mehreren Gemälden eine gelbe mit Hermelinpelz verzierte Jacke tragen.

Der weiße Winterpelz des Hermelins mit den typischen schwarzen Schwanzspitzen war ursprünglich als Besatz dem Krönungsmantel der Könige vorbehalten. Der Hermelinmantel galt daneben als Auszeichnung für weltliche Fürsten, den sie nur in besonderen Fällen tragen durften.

Wenn also Vermeer seine jungen Frauen mehrfach mit einer mit Hermelin verbrämten Jacke malt, so möchte man meinen, dies geschah nicht absichtslos, sondern er wollte damit symbolhaft seine Modelle mit edler Würde und hoheitlichem Glanz ausstatten.

Woman in blue reading a letter
Abbildung 2:
Woman in blue reading a letter, C
Johannes Vermeer "van Delft" (1632-1675)

Mit freundlicher Genehmigung von: Rijksmuseum Amsterdam
In den beiden Bildern "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster" (Abb.1) und "Woman Reading a Letter" (Abb.2) sehen wir jeweils eine junge Frau, die völlig in sich versunken einen Brief im Stehen liest. Beide haben jeweils sich der Lichtquelle bzw dem Fenster zugewandt, sodaß wir sie im Profil betrachten können. Sie halten den Briefbogen mit beiden Händen fest, vielleicht um das Lesen bei vor Aufregung zitternder Hand zu erleichtern.

Was die jeweilige Nachricht beinhaltete, wissen wir schlechterdings nicht, aber es scheint, daß der Brief (Abb.1) wieder und wieder gelesen wurde, so zerknittert schaut er aus. Das Bild in warmen Rot - und Brauntönen gehalten, gilt als eines seiner besten. Es zeigt eine elegant nach der damaligen Mode gekleidete junge Dame, wohingegen das Amsterdamer Gemälde (Abb.2),
Die Malkunst
Abbildung 3:
Die Malkunst, ca. 1665/66
Johannes Vermeer "van Delft" (1632-1675)
Leinwand, 120 x 100 cm

Mit freundlicher Genehmigung von: Kunsthistorisches Museum Wien
dessen Farbpalette vornehmlich der kühlen Blau- und Creme- Farbskala entnommen ist, eine junge Frau wohl in schlichter Umstandsmode wiedergibt. Die Fachgelehrten scheinen sich dabei nicht ganz einig zu sein, wann Vermeer in seinen Bildern schwangere Frauen dargestellt hatte, und wann es sich nur um eine Darstellung handelt, auf der Frauen in Ermangelung eines wärmenden Mantels mehrere Kleidungsstücke übereinandertragen.

Mir erscheint es als ganz natürlich, wenn er schwangere Frauen auch gemalt hätte, da er als Vater von 11 Kindern seine Frau in anderen Umständen zu sehen gewohnt war. Ob es sich dabei tatsächlich auch um seine Frau auf manchen Gemälden handeln könnte, läßt sich nicht verifizieren.

Jedoch wäre hier eine vergleichende Untersuchung zur Darstellung schwangerer Frauen in der Kunst lohnenswert und von weiterführendem Interesse. So hat sich 1906 Paula Modersohn-Becker selbst als nackte Schwangere porträtiert in "Selbstbildnis mit Bernsteinkette" (Museum Böttgerstraße, Bremen).

Den Künstler selbst allerdings glauben wir als Rückenansicht auf seinem Gemälde "Die Malkunst" (Abb.3) betrachten zu können, während von einem Selbstportrait offenbar nichts bekannt ist. Da aber nur etwa 31-35 Bilder noch als von ihm gesichert gelten, (die Angaben schwanken in der Forschungsliteratur beträchtlich), möchte man diese Möglichkeit nicht aussschließen.

Mistress and Maid
Abbildung 4:
Mistress and Maid
Johannes Vermeer "van Delft" (1632-1675)
vermutlich gemalt zwischen 1665 und 1670, Öl auf Leinwand, 35 1/2 x 31 in. (90.2 x 78.7 cm.)

Mit freundlicher Genehmigung von: The Frick Collection
Mit dem erwähnten Gemälde stellt Vermeer Clio, die Muse der Geschichte, dar. Er malte sie gemäß Cesare Ripas Iconologia als Frau mit den dort genannten Attributen des Lorbeerkranzes und der Trompete als Symbole für Ruhm sowie dem Attribut des Buches, möglicherweise von Herodot oder Thukydides übernommen.

Auf jeden Fall erstaunt es uns heutige Betrachter der Bilder Vermeers, welche Ruhe und Stille als auch kontemplative Konzentration er in seine Gemälde zu zaubern wußte, bedenkt man die räumliche Enge und die Lebhaftigkeit seiner zahlreichen Kinder in seinem Hause.

Womit die beiden lesenden Frauen beschäftigt waren, bevor sie den Brief zu lesen begannen, wissen wir nicht. Vor der Leserin (Abb.2) liegt ein geschlossenes Buch auf dem Tisch, in dem sie womöglich gerade zuvor gelesen und es nun kurzfristig abgelegt hatte. An der Wand hinter ihr ist eine Weltkarte zu sehen, die vielleicht auf die längere Abwesenheit des Hausherrn auf Geschäftsreise hindeuten mag, der ihr davon in dem Brief berichtet.

A Lady Writing
Abbildung 5:
A Lady Writing, ca 1665
Johannes Vermeer
Oil on canvas; 45 x 39,9 cm

Abbildung in dieser Größe genehmigt von National Gallery of Art, Washington. Für eine größere Abbildung ist der Besuch der Website erforderlich.
Ganz anders treffen wir die Frauen weiterer Gemälde Vermeers an. Eine blonde junge Frau im gelben Kleid mit Jacke, die mit Hermelinpelz verbrämt ist, sitzt am Tisch und schreibt. Da kommt ihre Magd, daher der Bildtitel "Mistress and Maid" (Abb.4) herein und reicht ihr einen Brief. Die junge Adressatin unterbricht ihre Schreibtäigkeit, mit ihrer linken Hand faßt sie sich erstaunt ans Kinn und sie schaut fragend ihre Magd an, die ihr offenbar etwas antwortet, was wir zu unserem Bedauern leider nicht hören können. Ob beispielsweise der Schreiber dieses Briefes gerade der Adressat ihres eben von ihr formulierten Briefes ist, mögen wir vermuten. Ist er vielleicht ihr zuvorgekommen, handelt es sich um einen Liebesbrief, oder gar um eine Absage? Sie selbst kann es noch nicht wissen, nur vermuten, da der Brief ja noch nicht geöffnet ist.

Ähnlich und doch wieder ganz anders hat Vermeer die Situation im Bild "A Lady writing" (Abb.5) geschildert. Auch hier sitzt das blonde Modell in der gelben Hermelinjacke am Tisch und schreibt. Noch mit der Schreibfeder in der Hand schaut sie auf und blickt uns scheinbar an mit einem kleinen, überraschten, verlegenen Lächeln. Sie war bisher ungestört am Schreiben gewesen. Was sie aufgeschreckt hat, werden wir niemals erfahren. Ob sie einem Verehrer eine Notiz zukommen lassen wollte? Zumindest ist die junge Schöne wie für ein Rendevouz sorgfältig gekleidet und mit Schleifchen im Haar geschmückt.

Betrachten wir nun die Szene im Bild "The Love Letter" (Abb.6). Da blicken wir aus einem Nachbarzimmer durch die geöffnete Tür in einen dahinterliegenden Raum, in dem zwischen aller offensichtlich hauswirtschaftlichen Tätigkeit die junge Frau im gelben Hermelinkleid sitzt und Laute spielt. Etwas erschrocken fragend schaut sie hoch zu der resolut neben ihr stehenden und wissend dreinschauenden Magd, noch immer den ihr gereichten Brief versiegelt in der Hand. Wagt sie nicht ihn zu öffnen? Ein Segelboot auf stürmischer See hängt als Bildmotiv über ihr an der Wand und ein an den Türrahmen gelehnter Besen verheißen nichts Gutes. Vermeer hat dieses Bild mit Symbolen, so scheint es, überfrachtet, sollte es als Ironie verstanden werden?

The Love Letter
Abbildung 6:
The Love Letter
Johannes Vermeer "van Delft" (1632-1675)

Mit freundlicher Genehmigung von: Rijksmuseum Amsterdam
Im Gemälde "Lady writing a letter with her maid" (Abb.7) hingegen sitzt eine junge Frau vornübergebeugt am Tisch und schreibt konzentriert. Vielleicht handelt es sich dabei um einen zweiten Schreibversuch, denn ein verworfener erster Versuch liegt wohl zerknittert auf dem Boden vor dem Tisch. Ihre Magd steht ruhig und gelassen abwartend neben ihr und schaut erwartungsvoll aus dem Fenster. Möglicherweise wird gleich der Bote den Brief abholen kommen. Die junge Frau trägt eine Haube, die ihr Haar völlig bedeckt. Beide Gestalten sind in helles Tageslicht getaucht. Es ist ein stimmungsvolles Bild in voller Ruhe und Harmonie. Es gilt etwas zu schreiben, aber es hat keine Eile, es sollte nur richtig und ordentlich geschrieben sein. Luxus und feine Lebensart spricht aus diesem Bild weniger, als aus jenen, wo die jungen Frauen mit Pelzjacke und Perlenschmuck gezeigt werden.

Lady writing a letter, with her Maid
Abbildung 7:
Lady writing a letter, with her Maid
Johannes Vermeer (Dutch, 1632-1675)

Mit freundlicher Genehmigung von: The National Gallery of Ireland. Copyright: Any form of reproduction, transmission, performance, display, rental, lending or storage in any retrieval system without the consent of the copyright holders is prohibited.
Auf allen Darstellungen ist eine gediegene Häuslichkeit wiedergegeben, die auf einigen bürgerlichen Wohlstand schließen läßt. In diese Welt der gepflegten Häuslichkeit der gehobenen bürgerlichen Schicht von Delft führt uns Vermeer. Liebevoll gibt er Details dieser Welt wieder. Junge Mädchen und Frauen spielten in jener Zeit durchaus eine tragende Rolle in der Gesellschaft. Gut ausgebildet und selbstständig handelnd, konnten sie ihren Tagesablauf selbst bestimmen, waren zuständig für alles, was die Haushaltsführung anbelangte, damit der Mann die auswärtigen Geschäfte wahrnehmen konnte. Die Frauen dieser Schicht konnten es sich leisten, in Muße ihren Talenten, sei es Musizieren oder Schreiben nachzugehen. Sie scheinen für alles Kulturelle verantwortlich gewesen zu sein.
Wir entdecken auf den Gemälden Jan Vermeers die holländische Frau des 17. Jh. als aktiv Handelnde. Nichts hält sie zurück, auch nicht die begonnene Hausarbeit, ihren Neigungen nachzugehen. Ihre elegante Kleidung, ihr Perlenschmuck, ihr sorgfältig frisiertes und geschmücktes Haar erlauben Rückschluß auf eine gutbürgerliche Lebenssituation, die auch in der Ausstattung der dargestellten Räume zum Ausdruck kommt. Nichts deutet darauf hin, daß es sich um eine Ausnahmesituation handelt, bei der wir die Frau als Lesende oder Schreibende beobachten können. Vermeer erlaubt uns also, einen intimen Blick in die Wohnstuben zu werfen. Wir sehen die Räume, die Protagonisten in ihrem normalen täglichen Verhalten. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Darstellung der Magd als der Vertrauten ihrer Herrin, als Dienstmagd wie auch Mitwisserin kleiner wie vielleicht auch großer Geheimnisse.

Johannes Vermeer: Allegory of the Faith
Abbildung 8:
Allegory of the Faith, ca. 1670
Johannes Vermeer (Dutch, 1632-1675)
Oil on canvas; 45 x 35 in. (114.3 x 88.9 cm)
The Friedsam Collection, Bequest of Michael Friedsam, 1931 (32.100.18)

Mit freundlicher Genehmigung von: The Metropolitan Museum of Art, New York
Halten wir also diese emanzipierte Stellung der Hausherrin im 17. Jahrhundert in den Niederlanden fest. Der Aufgabenbereich der Frau lag wohl im Wesentlichen in der Führung der Hauswirtschaft und der Erziehung der Kinder, was aber auch das Kulturelle, Lesen, Schreiben, Musizieren, miteinschloß.

Anmerkung

Vermeer, der so oft in seinen Bildern das Briefsujet dargestellt hat, zeigt in seinem Gemälde "The Allegory of the Faith" (Abb.8) das zwischen 1672 und 1674 entstanden ist, die Allegorie des Glaubens in der Gestalt einer Frau. Sie ist mit den typischen Attributen und Symbolen nach der Iconologia von Cesare Ripa versehen. Darunter befindet sich auch das große aufgeschlagene Buch, die Bibel, Christus
bezeichnend. Uns vetraute Requisiten Vermeers tauchen auch hier auf, so die Perlenkette, der schwarzweiße Fliesenboden, der Stuhl, und auch der Globus.

Literaturauswahl






Leserbriefe:

Möchten Sie einen Leserbrief schreiben?


Valid XHTML 1.0!Möchten Sie mehr zum ReadingWoman.org Projekt erfahren?
© 2003-2017 Dr. Friederun Hardt-Friederichs