ReadingWoman.org / Essays / 2004 / Nr.3: Vermeers Nachhall

Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.314. März 2004

Vermeers Nachhall

Fälschung und New Vermeer. Wohin führten und führen noch immer Wertschätzung und Bewunderung des holländischen Meisters?

Woman Reading a Letter
Abbildung 1:
Woman Reading a Letter
Hans Antonius van Meegeren

Mit freundlicher Genehmigung von: Rijksmuseum Amsterdam
Hier soll nicht der Rezeptionsgeschichte Jan Vermeers, er lebte in Delft von 1632 bis 1675, vgl. Essay Nr.2, nachgegangen werden. Aber ich möchte doch auf zwei bemerkenswerte gegensätzliche Folgen des Einflusses und der Wirkung Vermeers hinweisen.

Der Fälscher

Wertschätzung und Bewunderung erhielt der niederländische Künstler des 17. Jahrhunderts schon zu seinen Lebzeiten. Vermeers Stil wie auch seine Sujets wurden schon damals und in der Folgezeit kopiert.
Am frechsten allerdings wurde Vermeer von dem Fälscher Hans Antonius van Meegeren in den Jahren ab 1937 nachgeahmt. Dieser hochtalentierte aber als eigenständiger Künstler erfolglose niederländische Maler konnte sich, da er Vermeer nicht kopierte, sondern "nur" im Stil imitierte, den kritischen Augen der besten zeitgenössischen Experten und Kunsthistorikern entziehen und diese erfolgreich täuschen.
Er hatte mit sicherem Gespür den wachsenden Verkaufswert eines Vermeer auf dem internationalen Kunstmarkt erkannt. So griff v. Meegeren die christlichen Themen Vermeers auf, was unauffälliger war, und auch den Erwartungen seiner Zeit auf eventuelle Entdeckungen eines Vermeer entsprach. Er konnte jahrelang unentdeckt seine "Vermeers" erfinden und für hohe Summen an Sammler und Museen verkaufen. Erst durch die politischen Ereignisse am Ende des 2. Weltkriegs wurde er enttarnt. Dies geschah, so möchte man meinen, fast widerwillig.
Zunächst wurde v. Meegeren der Kollaboration mit dem Hitlerregime von Seiten seines Heimatstaates, den Niederlanden, bezichtigt. Er hatte, wie bemerkt worden war, einen "Vermeer" an Hermann Göring während der Nazizeit verkauft. Obschon v. Meegeren daraufhin gestand, daß er "nur" ein Fälscher gewesen sei, um dem Vorwurf der Kollaboration zu entgehen, gelang es ihm nicht, das Gericht davon zu überzeugen. Er hatte zwar für die Ankläger im Gefängnis einen neuen "Vermeer" gemalt (Jesus among the Doctors), doch die Laboruntersuchungen hatten ergeben, daß das an Göring verkaufte Gemälde "Christ and the Woman Taken in Adultery" aus dem 17.Jh. stammen sollte. Der Fälscher hatte mit Pigmenten aus jener Epoche gemalt und war somit in eine selbst gestellte Falle geraten. Erst erneute Untersuchungen 1958 ergaben, daß auch dieses Werk gefälscht war.
Vermutlich haben die Kunstexperten jener Zeit zumindest ein betroffenes Gesicht gemacht. Ihnen standen natürlich noch nicht die späteren technischen Untersuchungsmöglichkeiten zur Verfügung. Für die Sammler und die Museen jedoch war der Schaden sicherlich größer. So besitzt das Rijksmuseum Amsterdam von dem Fälscher das Bild "Woman Reading a Letter" (Abb.1).

Natürlich machen nur dann Fälschungen Sinn, wenn der gefälschte Künstler einen hohen Rang in der Wertschätzung des Kunstmarktes einnimmt, der dann um so bereitwilliger ein gefälschtes Werk als echt aufzunehmen gewillt scheint.

Young Woman Reading Glamour / Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster / Woman in blue reading a letter
Abbildung 2:
Young Woman Reading Glamour, 1999, Jonathan Janson (USA), Öl auf Leinwand; 18 1/2 in. x 19 in.
Mit freundlicher Genehmigung von: Jonathan Janson

Abbildung 3:
Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, Johannes Vermeer "van Delft" (1632-1675), Leinwand, 83 x 65 cm
Mit freundlicher Genehmigung von: Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Aufnahme: Estel/Klut, Galerienummer 1336

Abbildung 4:
Woman in blue reading a letter, C, Johannes Vermeer "van Delft" (1632-1675),
Mit freundlicher Genehmigung von: Rijksmuseum Amsterdam

New Vermeer

Ganz anders liegen die Dinge, wenn noch heute voller Bewunderung ein Künstler sich ganz dem Vorbild Vermeers widmet.
Seit vielen Jahren beschäftigt sich der gebürtige Amerikaner Jonathan Janson, nicht etwa in Delft, sondern in Rom lebend, mit dem Werk Vermeers und dessen Rezeptionsgeschichte. Forschungsergebnisse, Diskussion und Themenrelevantes veröffentlicht er auf einer umfangreichen Website, die jedem ausführlich Informationen zum Thema Vermeer bietet.

So weit, so gut. Was für meine Fragestellung zur Lesenden Frau in der Bildenden Kunst angeht, ist es nun verblüffend, einen Künster unserer Zeit zu finden, der sich nicht nur intensiv mit der Kunst Vermeers beschäftigt und sich der historischen Forschung über jenen widmet, und diese nach Kräften fördert, sondern auch selbst in seiner Malerei auf den Spuren des Delfter Malers wandelt.
Janson kopiert nun nicht die Werke Vermeers im üblichen Sinne, erfindet offenbar auch keine "neuen" Vermeers, bezeichnet seine Bilder aber doch als New Vermeers. Offenbar geht er mit einem hohen Anspruch an seine Kunst heran.

Janson übernimmt weitgehendst Sujet, Komposition, Stil und Maltechnik von Vermeer.

In meinen Focus gerieten seine Bilder dadurch, daß er mindestens drei der Bilder Vermeers mit dem Sujet der lesenden bzw schreibenden Frau aufgriff. Hier nun greift Janson, da er weder Fälscher noch Kopist ist, zu einer eigenen zeitgemäßen Interpretation des Lesens und Schreibens. Ich würde sie als Hommages an Vermeer bezeichnen.
Er modernisiert quasi das Thema, indem er im Bild "Young Woman Reading Glamour" (Abb.2) eine junge Frau in gelber Kleidung ein Journal lesen läßt und nicht etwa einen altmodischen, unzeitgemäßen, handgeschriebenen Brief. Zusätzlich fügt er einen Bildschirm (Fernseher oder Monitor eines Computers?) auf dem Tisch stehend, ein. Schaut man auf Vermeers Bild "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster" (Abb.3) so findet man dort auch einen geöffneten Fensterflügel. Hingegen zeigt Vermeers Werk "Woman in blue reading a letter" (Abb.4) ein auf dem Tisch liegendes Buch. Als Reminiszenz an die leuchtend gelben mit Hermelin besetzten Jacken auf mehreren Bildern Vermeers erweist sich die schlichtere gelbe Jacke in Jansons Bild. Frisur und Kleidungsstil scheinen an die "Woman in blue reading a letter" (Abb.4) angelehnt. Die Komposition abgeleitet aus den beiden genannten Gemälden Vermeers ist in ein von diesem auch inspirierten Licht getaucht.

Girl Listening to a Radio
Abbildung 5:
Girl Listening to a Radio, 1998
Jonathan Janson (USA)
Oil on canvas; 15 in. x 14 1/4 in.

Mit freundlicher Genehmigung von: Jonathan Janson
Werfen wir einen Blick auf Jansons Bild "Girl Listening to a Radio" (Abb.5), das die Komposition nahezu bis ins Detail von Vermeers "A Lady Writing" (Abb.6) übernimmt. Wiederum sind Einzelheiten wie Frisur und Kleidung in schlichter Modernität wiedergegeben. Und natürlich schreibt die junge Frau nicht mit Federkiel sondern mit einem modernen Schreibgerät. Daß sie allerdings Radio hört, läßt sich nur aus dem auf dem Tisch anstelle einer Schatulle stehenden Radio erschließen. Denn ganz offensichtlich schaut die beim Schreiben aufgestörte junge Frau den Betrachter an. Auf diesem Gemälde weicht somit Janson in geringerem Umfange von dem Vorbild ab.

A Lady Writing
Abbildung 6:
A Lady Writing, ca 1665
Johannes Vermeer
Oil on canvas; 45 x 39,9 cm

Abbildung in dieser Größe genehmigt von National Gallery of Art, Washington. Für eine größere Abbildung ist der Besuch der Website erforderlich.
Auf seinem Gemälde "Girl Writing with a Bic" (Abb.7) entscheidet sich Janson nur für einen Ausschnitt aus Vermeers Werk "Lady writing a Letter" (Abb.8). Hier reduziert er die Schreibende wirklich auf das Schreiben, alles Beiwerk ist weggefallen und auch die Magd findet keinen Platz. Anstelle einer Haube trägt das junge Mädchen am Tisch sitzend ein Kopftuch. Als Komplementärfarbe trägt sie eine grüne Bluse und Jacke zu dem für die Niederlande typischen Tischteppich, der nur zur Hälfte wiedergegeben ist.

Nun läßt sich natürlich ein sorgfältigerer Vergleich der Bilder Jansons mit den Werken Vermeers ausführen, um festzustellen, was gleich geblieben, übernommen oder verändert wurde. Aber hier geht es eigentlich nur darum, was das Faszinosum ausmacht, daß ein zeitgenössischer Künstler lesende und schreibende Frauen und Mädchen nach dem Vorbild Vermeers darstellt.

Über seine Beweggründe, Motivation soll der Künstler nun selbst zu Worte kommen.

FHF
Herr Janson, was brachte Sie dazu, Vermeer so intensiv zu studieren?

JJ
Als Heranwachsender entwickelte ich ein starkes Interesse an der Malerei, insbesondere an der modernen Art des Malens. Abstrakte Expressionisten wie Pollock und de Koning faszinierten mich am meisten. Ich entschied mich, die Malerei ernsthaft zu studieren und schrieb mich bei der Rhode Island School of Art in Providence, R.I., USA, ein.
Girl Writing with a Bic / Lady writing a letter, with her Maid
Abbildung 7:
Girl Writing with a Bic, 1996-97
Jonathan Janson (USA)
Öl auf Leinwand; 12 1/4 in. x 11 in.

Mit freundlicher Genehmigung von: Jonathan Janson

Abbildung 8:
Ausschnitt von: Lady writing a letter, with her Maid
Johannes Vermeer (Dutch, 1632-1675)

Mit freundlicher Genehmigung von: The National Gallery of Ireland. Copyright: Any form of reproduction, transmission, performance, display, rental, lending or storage in any retrieval system without the consent of the copyright holders is prohibited.
Das künstlerische Umfeld war ziemlich anregend. Diskussionen über Konzeptkunst und Pop Art beherrschten die Gespräche. Realismus wurde abgesehen vom künstlerischen Lernen gemieden.
Während meines ersten Studienjahres hatte ich als Pflichtfach Kunstgeschichte und sah zum ersten Mal Gemälde von Vermeer. Seit diesem Augenblick erlahmte nie mehr mein Interesse an Vermeers Malerei. Seine Arbeiten scheinen eine andere Dimension zu haben verglichen mit den zeitgenössischen Realisten und den Realisten anderer Zeiten, gleichzeitig fußten sie auf äußerst abstrakter Grundlage.

FHF
Was beeindruckte Sie so sehr, daß Sie sich in der Kunst entschieden, in die Fußstapfen Vermeers zu treten?

JJ
Es schien mir, als ob Vermeers Kunst die Nuancen und Geheimnisse seiner damaligen Welt beschrieb, einer Welt, an der er zunächst als Mensch, dann als Künstler und Vernunftwesen teilhatte.
Die Kunst des 20. Jahrhunderts scheint aus einem konzeptuellen und theoretischen Blickwinkel aus gesehen vor allem zu konfrontieren. Der Abstand, der durch eine mehr theoretische Annäherung bewirkt wird, schien nicht so sehr ursprüngliches Interesse an philosophischen Fragen als eher an einem übertriebenen Bewußtsein der Rolle als Künstler und einer unbewußten Furcht vor der Enthüllung des persönlichen Selbst gekennzeichnet zu sein.

FHF
Was hatten Sie im Sinn, als Sie drei Werke mit lesenden Frauen malten?

JJ
Die drei lesenden Frauen tauchten aus irgendwie gegensätzlichen Aktivitäten auf: Selbstbetrachtungen und Narzißmus. Die Frauen, die zu Vermeers Zeiten lasen, lasen mit der gleichen Erwartung, der Notwendigkeit für Selbstbelohnung und Wissensdurst, wie sie es noch heute tun.

FHF
Herr Janson, haben Sie freundlichen Dank für das Gespräch.


Verweise & weitere Information:

[1] Jonathan Janson: Essential Vermeer



Leserbriefe:

Il philosopho
BArabasch aus Bamberg, Deutschland schrieb am 16. Januar 2011: Ich habe das Bild Jonathan Janson "il filosofo" - eine ebensolche Vermeer- Rezeption. Das Werk ist im Werkverzeichnis enthalten und wurde 1982 gemalt.

Dr.Richard Barabasch
Paradiesweg 2 d
96049 Bamberg
barabasch-riedel@freenet.de


Englische Version
Henner aus , schrieb am 14. März 2004: Wieso wird die amerikanische Flagge und nicht der englische Union Jack verwandt?


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