ReadingWoman.org / Essays / 2004 / Nr.4: Warum nur lesende Frauen?

Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.425. Mai 2004

Warum nur lesende Frauen?

Sigi Oberlaender, Künstler und Übersetzer des ersten Essays, fragt sich im Interview mit Friederun Hardt-Friederichs, warum das Projekt ReadingWoman.org nur lesende Frauen und nicht auch lesende Männer zum Thema hat.

FHF
Herr Oberländer, Sie haben als Übersetzer den Start des Projektes ReadingWoman.org als Erster zu Gesicht bekommen. Was war Ihr erster spontaner Eindruck?

SO
Mein erster Eindruck war, es handele sich hier um eine Gruppe von Frauen, vielleicht sogar um Suffragetten, die der Welt zeigen möchten "Wir sind nicht nur eine Gruppe dummer Blondinen. Der Beweis ist in diesem Bild zu sehen."

Winter in Florida
Abbildung 1:
Winter in Florida,
Sigi Oberländer (USA)
Öl auf Leinwand, 71 x 56 cm

Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

FHF
Zunächst einmal, es gibt kein "bunch of suffragettes", jedenfalls heutzutage nicht mehr. Aber es gibt eine wachsende Zahl von gebildeten selbstbewußten Frauen, die die Entwicklung der Frauenemanzipation in ihrer gewachsenen geschichtlichen Entwicklung kennen, kennenlernen wollen oder auch mehr darüber wissen möchten. Dabei sind sie sich sehr wohl bewußt, daß es vermutlich noch lange keine Gleichberechtigung in dieser Welt geben wird. Wenn eine solche Untersuchung, wie hier das Projekt ReadingWoman.org, dazu beitragen kann, die Position der Frau in ihrer geschichtlichen gesellschaftlichen Rolle zu erhellen, so werden Frauen wie Männer gleichermaßen daran interessiert sein. Alle, die auf dem Gebiet der Frauenfragen, der Gender questions arbeiten, werden daraus Nutzen ziehen können. Gleichgültig, wie die Ergebnisse ausfallen werden, sie werden Aufschluß über die Situation beider Geschlechter in der jeweils betrachteten Zeitspanne geben. Frauen, die in der Frauenforschung oder themenbezogen in den Kulturwissenschaften arbeiten, werden sorgsam diese Ergebnisse beobachten.

SO
Meine Frage lautet: Warum dies nur auf Frauen beschränken? Ich habe mal eine Kunstausstellung gesehen, die alle Arten von lesenden Leuten zeigte, Männer, Frauen, Mädchen, Jungen, reich, arm, etc... Vielleicht ist dies das Ergebnis einer Gruppe von Frauen (in sich selbst verunsichert), die das Thema in einem Frauen Café diskutiert haben, das traditionsgemäß keine Männer duldet (vielleicht nur zu besonderen Gelegenheiten).

FHF
Meine perönliche Antwort auf die Frage nach der Beschränkung auf Lesende Frauen ist einfach: Erstens hat mich als Frau das Thema der Lesenden Frau gefesselt und nicht das der Lesenden Männer. Warum wohl? Zweitens wäre eine Paralleluntersuchung absolut wünschenswert, ist aber von mir -- vorläufig -- nicht zu leisten. Das Thema offenbart sich mehr und mehr ad infinitum, was nicht nur die Aufstellung einer Nachweisliste angeht.

SO
Ich könnte mich ausgeschlossen fühlen. Aber das macht mir nichts aus. Deshalb werde ich nicht so etwas nur für Männer anfangen und auch nicht darüber traurig sein.

FHF
Das wäre schade. Ich rufe Ihnen zu : Nur Mut, fangen Sie an mit einer Sammlung Lesender Mäanner!

Wie betrachten Sie denn die Situation der Frauen in der Welt hinsichtlich ihrer Schul- und Ausbildung sowie ihrer Gleichbehandlung mit Männern?

SO
Ja, es ist mir bewußt, daß es unglücklicherweise noch sehr viel Ungerechtigkeit in der Welt gibt, Frauen gegenüber. Besonders in Bezug auf Ausbildung und Gleichberechtigung mit Männern. Sehr zeitgenössische Beispiele sehen wir in Afghanistan oder Teilen Afrikas. Wenn das Projekt "Die lesende Frau" die Situation der Frauen in der Welt verbessert, dann unterstütze ich das voll.

FHF
Was denken Sie sich eigentlich als Maler, wenn Sie ein Bild sehen, auf dem eine lesende Frau abgebildet ist ?

SO
Ich neige dazu, Renoir zuzustimmen. Das Buch in Händen des Modells hilft ihm stillzusitzen und zu entspannen. Das Gleiche gilt natürlich auch für männliche Modelle.

FHF
Hatten Sie nicht auch schon Frauen lesend dargestellt und was war dabei Ihre Absicht? Können sie anhand von Beispielen Ihre Gedanken und Vorstellungen hinsichtlich des Sujets formulieren?

SO
Als ich "Winter in Florida" ( Abb.1) malte, - das Bild zeigt meine Frau, draußen im Garten sitzend, eine Decke über den Knien, - gab ich ihr das Buch, das sie damals am Lesen war. Jeder, der jemals eine Person gemalt hat, oder mit einem Modell gearbeitet hat, weiß wie langweilig das sein kann. Das trifft besonders auf die zu, die andere Interessen haben, als nur in den Tag zu träumen. Meine Frau und ich lieben es zu lesen. Es war daher ganz natürlich, meiner Frau ihr Buch zu geben. Das Modell wirkt dann nicht nur als "Pose".

Ligia
Abbildung 2:
Ligia,
Sigi Oberländer (USA)
Aquarell, 43 x 56 cm

Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

Das gleiche gilt für mein Aquarell "Ligia" (Abb.2) von einer Computeringenieurin aus Medellin, Kolumbien. Schön und hochqualifiziert wünschte sie porträtiert zu werden. Um die langweilige Porträtsitzung zu nutzen, hatte sie mich gefragt, ob sie das begonnene Buch weiterlesen könne.

FHF
Glauben Sie, daß Ihre Auffassung, mit einem Buch das Modell ruhig zu stellen, für andere Künstler ebenfalls Geltung hatte oder hat? Können Sie sich auch eine andere Absicht vorstellen?

SO
Für das Porträt einer Person, die mit dem Recht, mit Erziehung zu tun hat, oder andere studierte Leute ist natürlich ein entsprechendes Buch mit in das Bild aufzunehmen. Nicht irgendein Buch. Z.B. wäre es nicht angebracht, eine geistliche Person mit einem pornographischen Werk zu zeigen. Das wäre wohl mehr etwas für Larry Flint, den Herausgeber des "Hustler" Magazins.

FHF
Könnte die Darstellung einer Lesenden Frau für einen Käufer attraktiv sein?

Sigi Oberländer
Sigi Oberländer
SO
Ob man ein Buch in ein Bild einbringt, um Kunstsammler für den Kauf zu interessieren? Ich weiß nicht! Vielleicht wenn die abgebildete Frau mit Buch einen schönen Akt darstellt in einer nicht vulgären Position. Das könnte eine Ausnahme sein.

Ich verspreche, ich werde nur so etwas malen, wenn es von dem Kunden ausdrücklich gewünscht wird.

FHF
Herr Oberländer, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

Sigi Oberländer widmet sich nach einem erfolgreichen internationalen Berufsleben seit 1999 verstärkt seiner künstlerischen Laufbahn.





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