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Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.525. Juli 2004

Goldader

Hat das Buch überhaupt eine bildimmanente Aufgabe? Oder dient es letztlich doch nur der Ruhigstellung des Modells?

Vein of Gold
Abbildung 1:
Vein of Gold
Michael Downs
Öl auf Holz - 25.5 in. x 30 in.

Mit freundlicher Genehmigung von: Michael Downs
Etwas enttäuscht lernte ich vom deutschen Künstler Sigi Oberlaender, daß für ihn das Buchattribut nur Mittel zum Zweck, d.h. zur Erleichterung des Stillsitzens des Modells wie auch der damit verbundenen Arbeitserleichterung des Künstlers diente. Doch geht aus seinem Bericht hervor, daß durchaus die porträtierten Frauen darauf Wert legten, das von ihnen begonnene Buch weiterlesen zu können. Also lassen sich beide Frauen wenigstens als bewußt mit ihrer Zeit umgehend charakterisieren und nicht etwa als tagträumend bezeichnen.

Erfreut stieß ich bei der Lektüre einer amerikanischen Kunstzeitschrift auf einen Bericht und dann auf ein Interview mit Michael Downs, einem kanadischen Künstler, der anderes berichtete. Abgebildet war ein Werk von ihm mit einer lesenden Frau mit dem Titel "Vein of Gold" nach dem gleichnamigen Buch von Julia Cameron.

Neugierig geworden gelang es mir nach einigen vergeblichen Versuchen Kontakt zu Michael Downs aufzunehmen und ihn zu befragen.

Es stellte sich heraus, daß er einige weitere Bilder zu diesem Thema gemalt hatte. Aber immer ging es ihm darum, eine nachdenkliche und beschauliche Stimmung einzufangen. Diese, so hatte er herausgefunden, stellte sich beim Lesen am ehesten ein. Der Inhalt des Gelesenen spiegele sich als Stimmung im Gesichtsausdruck der Porträtierten wider. So betonen seine "Lesenden Frauen" weniger das Porträthafte als die Lesesituation, in der sich die Frauen befinden. Das malerische Ziel von Michael Downs liegt damit in der realistischen Wiedergabe von Personen in nachdenklicher Stimmung in beschaulicher Umgebung.

Wir finden seine lesenden Frauen, immer jung und hübsch, tief versunken in ihre Lektüre, ob Buch oder Zeitung. Sie lesen wirklich, das Buch ist kein Beliebigkeitattribut. Sie sind immer allein und haben sich abgeschottet von ihrer Umwelt, selbst wenn sie am Fenster in einem Café an einer belebten Straße sitzen. Lesen verlangt nach Rückzug, Alleinsein. So lesen seine Modelle konzentriert für sich, ob im Eßzimmer auf einem Stuhl mit übergeschlagenen Beinen, in eine Sofaecke gerutscht oder auf dem Bett hingekuschelt oder gar nackt ausgestreckt. Ihre Lesehaltung variiert und wirkt niemals steif und gestellt. Wir bleiben Beobachter einer stillen Intensität, einer Bezogenheit auf etwas, was sich unserer Beobachtung entzieht, doch in der Lektüre zu finden wäre.
Reflections
Abbildung 2:
Reflections
Michael Downs
Öl auf Holz - 30 in. x 40 in.

Mit freundlicher Genehmigung von: Michael Downs
Bei dem Bild "Vein of Gold" (Goldader) traf dies offensichtlich so nachdrücklich zu, indem Leseatmosphäre und Buchinhalt verschmolzen.
Michael Downs behandelt seine Lesenden Frauen mit großem Einfühlungsvermögen, wie er auch dem Raum große malerische Sorgfalt zukommen läßt.

Michael Downs beantwortete mir einige Fragen:

FHF
Herr Downs, haben Sie weitere Bilder zum Thema des lesenden oder schreibenden Mädchens bzw. der lesenden oder schreibenden Frau gemalt, falls, warum?

MD
Offensichtlich ist die Antwort darauf ja. Im allgemeinen ist mein Hauptanliegen figürlicher oder nachdenklicher Natur. Ich habe herausgefunden, daß der Akt des Lesens selbst gut dazu hinführt, eine Person in ziemlich nachdenklicher Stimmung einzufangen.

FHF
Folgten Sie dabei Beispielen aus der Kunst?

MD
Das Sujet betreffend folge ich nicht wirklich Beispielen, aber was den Stil anlangt, bin ich sehr hingerissen von dem darstellenden und eindrucksvollen Stil vieler Alter Meister, mein Lieblingskünstler ist John Singer Sargent. Er war fähig, seine Personen tiefgründig doch schlicht einzufangen. Ein wahrer Meister, und das ist es, was ich anstrebe.

FHF
Was war Ihre Absicht oder Motivation, Ihre Frau mit dem Buch in der Hand zu malen? Sie erwähnten, der Titel des Buches und des Gemäldes sei der gleiche. Gibt es da einen Zusammenhang? Und welchen?

All the Time in the World
Abbildung 3:
All the Time in the World
Michael Downs
Öl auf Holz - 39 in. x 27 in.

Mit freundlicher Genehmigung von: Michael Downs
MD
Das Licht und die Atmosphäre des Raumes nahmen mich gefangen, und ich wünschte mir eine Person darin. Ich fragte sie, ob sie was dagegen hätte, ein Buch zu ergreifen und zu lesen. Ihre Wahl fiel auf "Goldader" von Julia Cameron. Obschon wir es nicht spezifisch darauf abgesehen hatten, schien das Buch bei Fertigstellung des Bildes den Titel nahezulegen. Auch denke ich, daß ihr Gesichtsausdruck dem von Kreativität handelnden Buch entspricht. Ich fing ihre Nachdenklichkeit beim Lesen von Julias Worten ein. Wie ich sagte, versuche ich das einzufangen, wenn ich eine Person male.

FHF
Welche Art Gedanken hatten Sie beim Malen dieses Themas? War es ein absichtliches oder zufälliges Thema?

MD
Dies war kein eigenständiges Thema, eher mehr allgemeiner Natur, wie ich vorgebracht habe, Menschen in einer nachdenklichen Weise zu malen, und ich finde, das Interesse am Lesen eines Buches bringt das Modell leicht in diese Stimmung.

Einige meiner anderen Bilder wurden meist in der gleichen Weise entwickelt, doch habe ich niemals den Buchtitel notiert. Ich weiß, daß bei beiden, "Emily" und "Poetic Read" das gleiche Modell einen Gedichtband las, aber ich bin nicht sicher, welchen. "Reflections", "A Mornings Break" und "Morning at the Cabin" behandeln einfach das gewöhnliche Lesen der Zeitung. Das ist sicherlich etwas, dem ich zukünftig mehr Beachtung schenken werde.

FHF
Herr Downs, ich danke Ihnen sehr für Ihre Meinung.

Verweise & weitere Information:

[1] Whistler Art Galleries mit weiteren Bildern von Michael Downs, die lesende und schreibende Frauen zeigen.



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