ReadingWoman.org / Essays / 2005 / Nr.8: Tom Hunter: Vermeer und kein Ende

Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.816. Oktober 2005

Tom Hunter: Vermeer und kein Ende

Auch der britische Fotokünstler Tom Hunter erliegt der Faszination des niederländischen Meisters.

Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster
Abbildung 1:
Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster
Johannes Vermeer "van Delft" (1632-1675)
Leinwand, 83 x 65 cm

Mit freundlicher Genehmigung von: Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Aufnahme: Estel/Klut, Galerienummer 1336
Bereits im Essay Nr.3, "Vermeers Nachhall", hatte ich an Beispielen die weitreichende und nachhaltige Wirkung Vermeers auf nachfolgende Maler aufgezeigt. So verwundert es nicht, wenn auch ein junger sozialkritischer und politisch motivierter Fotokünstler unserer Zeit die Themen des niederländischen Meisters aus dem 17. Jahrhundert in seinem fotografischen Werk aufgreift.
Der Brite Tom Hunter stellt das Gemälde Vermeers "Briefleserin am offenen Fenster" (Abb.1) nach und betitelt seine Fotoarbeit (Abb.2)
"Frau, einen Räumungsbefehl lesend". Dieses Foto gehört zu einer Fotoserie "Unbekannte Personen" aus dem Jahre 1997, die Hunter als Abschlußarbeit (MA) am Londoner Royal College of Art machte.
Der 1965 in Bournemouth, England, geborene und in London lebende Fotograf Tom Hunter stellt Motive Alter Meister nach und inszeniert sie in zeitgenössischem Umfeld. Dabei verzichtet er auf Berufsmodelle und fotografiert Laien in ihrer realen sozialen Situation, mit der Absicht, seine Kunst politisch wirken zu lassen. Für die hier vorgestellte Arbeit erhielt er 1998 den John-Kobal-Fotopreis.
Frau, einen Räumungsbefehl lesend
Abbildung 2:
Frau, einen Räumungsbefehl lesend, 1997
Tom Hunter, geboren 1965
Fotografie, 152 x 122 cm

Mit freundlicher Genehmigung von: White Cube Gallery, London
Hatte Jonathan Janson (Abb.3) noch für seine New Vermeers das Bildinventar des Niederländers durch heute gebräuchliche Kommunikationsmittel ersetzt, um das Motiv in die Gegenwart zu rücken, erreicht uns Hunter hingegen bereits durch sein Medium, das heute allgegenwärtige Ausdrucksmitttel der Fotografie. Diesem haftet trotz aller Manupulierbarkeit das Dokumentarische, die Realitätsnähe, das Wahrhaftige oder Authentische, ja das Unmittelbare an. Auch interpretiert Hunter das Sujet Vermeers in ganz anderer Weise als Janson. Zwar übernimmt auch er für sein Tableau die Komposition, den Lichteinfall, die Farben und vor allem das Bildmotiv des Briefes, doch gerade, indem er den Briefinhalt in den Titel stellt, erhält das Werk eine bewußt gewollte politisch-soziale Brisanz. Hunter gibt uns kein Rätselraten über den Briefinhalt damit auf. Denn eine junge Frau, am Fenster in einem karg ausgestatteten Raum stehend, liest den Räumungsbefehl für die widerrechtlich besetzte Wohnung. Hunter hat nun noch zusätzlich das Bildmotiv Vermeers erweitert, indem er der jungen Frau ein Baby zur Seite gelegt hat. Damit erhöht sich die Aussage des Briefes mit dem Räumungsbefehl dramatisch. Nicht nur die junge Mutter, sondern auch ihr Baby werden von Obdachlosigkeit bedroht.
Ein vergleichender Blick auf das Gemälde Vermeers und das Foto von Tom Hunter läßt unmittelbar erkennen, daß die beiden dargestellten jungen Frauen in unterschiedlichen Milieus ihrer Zeit anzutreffen sind. Bei Vermeer befindet sich die junge Leserin in einem gutbürgerlichen Lebensumfeld. Eine gediegene Einrichtung des Raumes mit üppigen Vorhängen, geschnitztem Stuhl, Tischteppich und einer großen mit Früchten gefüllten Schale verdeutlichen dies. Die Leserin selbst ist fein doch zurückhaltend gekleidet. Bei Hunter hingegen fehlen jegliche Hinweise auf eine gepflegte bürgerliche Lebensweise. Im Gegenteil, alles weist auf Ärmlichkeit hin.
Zur Wirkung des Fotos gehört mithin untrennbar die Kenntnis des Titels. Zum Verständnis des Werkes von Tom Hunter hilft zudem das Wissen, daß der Fotograf sich intensiv mit politischen und sozialen Fragen u.a. zur Rechtslage der Hausbesetzerszene in England beschäftigt hat. Er porträtierte in Fotos Menschen, die im armen Stadtteil Hackney Ostlondons leerstehende Häuser besetzt hatten. Seine moderne Briefleserin heißt Filepa und ist Tanztherapeutin. Acht Jahre lebte sie in dem besetzten Haus, wo auch ihre Tochter Saskia geboren wurde. Dann kam der Räumungsbefehl.
So erfahren wir in diesem Bildbeispiel mit einer Leserin über den Titel auch den Inhalt der dargestellten Szene. Deren Authentizität und Dringlichkeit, die der Fotograf mit seinem Medium Fotografie bewußt einsetzt, werden noch erhöht durch die Bekanntgabe (Fußnote 1, Hans Pietsch, in Art, Nr 6, Juni 2004) der Identität und Geschichte der gezeigten Frau. Hier wird nicht mittels eines Modells eine fiktive Wirklichkeit erzeugt, sondern eine de facto erschreckende Realität festgehalten.
Young Woman Reading Glamour
Abbildung 3:
Young Woman Reading Glamour, 1999, Jonathan Janson (USA), Öl auf Leinwand; 18 1/2 in. x 19 in.
Mit freundlicher Genehmigung von: Jonathan Janson
Warum benutzt Tom Hunter das Werk Vermeers als Bildvorlage? So irritiert doch die Diskrepanz zwischen dem, was der Betrachter im Foto wahrnimmt und dem Inhalt des beigegebenen Titels. Kein Erschrecken ist dem Gesichtsausdruck der jungen Mutter zu entnehmen. Hier wie bei Vermeer wäre ohne Kenntnis des wahren Anlasses des Briefes von einer friedlichen Stimmung auszugehen.
Auch geht von diesem Baby (anstelle der Fruchtschale bei Vermeer hat Hunter sinnigerweise es als Leibesfrucht beigefügt) ein unschuldiges Hoffen aus. Sein Strampelanzug in fröhlichem Rot ergänzt sich im grünen Pullover der Mutter, seine blaue Babydecke kontrastiert mit dem verblichenen Gelb der Wandfarbe.
Vielleicht bezweckt Hunter gerade mit dieser irritierenden Diskrepanz eine politische Aufforderung, hier Abhilfe zu schaffen. Tatsächlich soll sich auch eine positive Lösung gefunden haben.
Briefe transportieren nicht immer, aber doch häufig bedeutungsvolle Inhalte. Das Medium der schriftlichen Information hat auch heute nichts von seiner Signifikanz verloren. Im Bild dargestellt, üben Briefe, deren Inhalt der Betrachter des Bildes nicht lesen kann, eine besondere Faszination, eine nicht zu stillende Neugierde aus, die der Maler bewußt einzusetzen wußte. Doch hier geht der Fotokünstler Hunter den umgekehrten Weg, gerade dadurch, daß er dem Bildbetrachter den Inhalt des Briefes im Titel mitteilt, befriedigt er zwar die Neugierde des Betrachters, doch gleichzeitig hofft er dessen Anteilnahme zu wecken, um eine sozial-politische Veränderung zu erreichen.










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