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Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.902. Januar 2006

Besuch im Atelier

Die Bildhauerin Suzanne Peiffer zeigt uns ihre lesenden Mädchen

Suzanne Peiffer in ihrem Atelier
Abbildung 1:
Suzanne Peiffer in ihrem Atelier (Februar 2005)
Als ich 2003 die Ausstellung "Vision 2003" der Strawbridge Art League in Melbourne, Florida, besuchte, entdeckte ich eine kleine Bronze von einem kleinen lesenden Mädchen mit dem Titel "Die kleine Gärtnerin" (Abb.2).
Das kleine Mädchen sitzt bequem und barfuß auf einem Bündel Blätter und scheint völlig versunken beim Lesen in einem großen Buch, das auf ihrem Schoß liegt. Es handelt sich dabei um eines dieser Pop-Up Bücher, die Kinder lieben, weil beim Umblättern die fantastischen Figuren und Bauten aufklappen. In diesem Fall findet das kleine Mädchen eine riesige sich aufklappende Hibiscusblüte, die die kleine Leserin auf's höchste fasziniert. Da das kleine namenlose Mädchen in leichter Kleidung und ohne Schuhe angezogen ist, weist die Skulptur auf die Sommerzeit oder in diesem Fall auf den sunshine state Florida hin, da die Hibiscusblüte als Symbol dafür steht.
Fasziniert von der Bronze wollte ich unbedingt die Künstlerin kennenlernen, die für dieses Kunstwerk in dieser Aussstellung den Preis für Bildhauerei gewonnen hatte. Es war Suzanne Peiffer.
Von ihr hörte ich, daß sie eine weitere Bronze zu diesem Thema gemacht hatte, die in einer Galerie in Melbourne gezeigt würde. Sobald als möglich, ging ich hin, nur um eine weitere fein gearbeitete Skulptur in Bronze mit dem Titel "Best Seller" (Abb.3) vorzufinden.
Die Frau in Bronze zurückgelehnt, in einem Neglige, als ob sie noch immer im Bett wäre, ein Bein unter sich gezogen, liest intensiv in einem Buch. Offensichtlich, wie der Titel vermuten läßt, war das Buch ein Bestseller, der die junge Frau davon abhielt aufzustehen und sich ordentlich für den Tag anzuziehen. Die sorglose Haltung, in der das Nachtkleid bloße Beine, eine nackte Schulter, sowie eine kaum bedeckte Brust zeigen läßt, nimmt den Betrachter hinein in die Ruhe und Abgeschiedenheit eines Lesers, der nicht die geringste Aufmerksamkeit dem Rest der Welt zollt. Die Bronze ist in einem leichten Rotton gehalten wie auch die "Kleine Gärtnerin".
Die kleine Gärtnerin
Abbildung 2:
Die kleine Gärtnerin
Bronze, 2003, 10" diameter x 9"high
Ich entschied mich weiterzumachen und bat Suzanne Peiffer, mir ein Interview über ihre Kunst zu geben, was im Februar 2005 in ihrem Atelier in Palm Bay, Florida, statt fand.
Als sie mir ihr Atelier zeigt (Abb.1), bemerkte ich eine weitere Skulptur, zwar noch nicht fertiggestellt und noch ohne Titel. Ich machte ein Foto (Abb.4) auch von dieser Tonform der künftigen Bronze und die Künstlerin beschrieb mir wie auch für diejenigen, die diesen Essay lesen, den langsamen und sorgfältig ausgeführten Prozess, wie eine Skulptur aus Bronze gemacht wird. Sie zeigte mir das innere Gerüst, das aus festem und weichem Draht gebildet wird und der erste Schritt ist, um ihre Figur herzustellen. Hier folgen wir ihren eigenen Worten:

Der Arbeitsvorgang

Zuerst mache ich ein Skelett aus Aluminiumdraht, welchen ich in die gewünschte Pose oder Stellung der vorgestellten Skulptur biege. Ich baue die Figur mit nicht trocknendem Ton auf Wachsbasis auf, indem ich sie aufbaue, schneide, ritze, bis das feine Detail fertig ist. Zweitens mache ich eine Hohlform, indem ich einige Lagen Silikon Kautschuk aufpinsele. Den jeweiligen Auftrag lasse ich immer zwischendurch erst trocknen, bis der Kautschuk etwa 6 mm dick ist.
Mit dem ursprünglichen Ton noch immer innen drin, trage ich den Gips direkt auf den trockenen Kautschuk auf, bis ich eine Dicke von 13 mm erreicht habe. Dies nennt man Mutter-Gußform (Matritze), welche notwendig ist, um den Kautschuk festzuhalten, wenn eine Gußsubstanz hineingegossen wird.
Nachdem die Matritze getrocknet ist, nehme ich sie ab (üblicherweise in 2 Teilen)und entferne sie von der Kautschukform. Die Kautschukform wird dann an einer oder zwei Stellen aufgeschlitzt, um sie vom Ton abzunehmen. Dann säubere ich die Kautschukform und setze sie in die Matritze, den Ton wegwerfend.
Die beiden Formen sind nun hohl, in welche ich flüssiges Wachs gieße, wiederholt ausgießend und einfüllend. Wenn das Wachs etwa 6 mm dick ist, gieße ich das restliche ab und lasse es kalt werden.
Beide Formen werden vorsichtig vom Wachs abgetrennt und die Oberfläche vom Wachs wird gesäubert, indem etwaige Blasen, die sich gebildet haben mögen, entfernt werden.
An dieses Wachs, welches exakt wie der ursprüngliche Ton ist, befestige ich das "Leitungssystem", das ein System von Wachsstegen und Öffnungen ist, sehr ähnlich dem menschlichen Kreislauf.
Die Stege erlauben, daß die geschmolzene Bronze in die Höhlung eingegossen werden kann, während die Öffnungen erlauben, daß die Bronze zirkulieren und in alle Spalten eindringen kann, sowie, daß die Gase entweichen können. Alles, was zuvor Wachs war, ist nun Bronze.
Sobald abgekühlt, wird das Wachs wiederholt in einen Keramikschlamm getaucht. Zwischen den Tauchvorgängen muß der Schlamm trocknen. Wenn die Keramikhülle dick genug ist, darf sie trocknen und wird in einen Brennofen getan, der eine Temperatur erreicht, die hoch genug ist, das Wachs auszuschmelzen. Deshalb wird dieser Vorgang verlorene Wachs-Technik genannt.
Nachdem das abgekühlt ist, wird die Keramikhülle von der Bronze abgebrochen. Die Öffnung und die Stege werden abgeschnitten. Die Bronze ist zu diesem Zeitpunkt schwarz und krustig.
Diese Kruste wird dann abgeschmirgelt und poliert zu einer glatten Oberfläche. Zu diesem Zeitpunkt sieht das Werk wie glänzendes Messing oder Gold aus. Nun wird die Patina (Farbe) appliziert. Dies wird durch das Erhitzen der Bronze und Aufbürsten verschiedener Chemikalien getan, in Abhängigkeit von der erwünschten Oberfläche.
Zusammengefaßt besteht der beschriebene Vorgang aus folgenden Schritten:
Herstellung eines Aluminium Skeletts
Tonaufbau bis zur fertigen Skulptur
Herstellung einer Silikon-Kautschuk-Form
Herstellung einer Matritze, Form aus Gips
Einfüllen von Wachs in diese Form
Herstellung von Wachsstegen und Öffnungen.

Einfüllen der Bronze
Eintauchen der Wachsform in Keramikschlamm zur Herstellung einer dicken Tonhülle
Abschlagen der Tonhülle
Abschmiergeln und Polieren der Bronze
Einfärben der Bronze

Nun, nachdem ich mehr über die Prozedur der Herstellung von Kunstwerken in Bronze gelernt hatte, wurde ich neugierig, wie Suzanne Peiffer ihre Ideen findet. Diese müssen vor der Herstellung kommen, da, wenn erst mal geschaffen, ihr Kunstwerk nicht mehr wie ein Gemälde noch später verändert werden kann. Die Künstlerin befragt, gibt eine klare und bestimmte Antwort :"Durch das Beobachten von Leuten". Manchmal beim Tagträumen und Jazz hören, kommt ihr direkt eine Idee in den Sinn, welche durch vorheriges Beobachten des Benehmens oder der Haltung von Leuten inspiriert wurde.

Ihre Skulptur "Bestseller" wurde daher von einem lieben Hausgast inspiriert, den sie immer vertieft ins Lesen fand und dabei ein Bein untergeschlagen hatte. Diese Haltung wurde zur anfänglichen Idee und gefiel ihr so gut, daß sie dieses Thema aufnehmen mußte.
Bestseller
Abbildung 3:
Bestseller
Bronze, 2000,11" x 9" x 9"high
Natürlich arbeitet Suzanne Peiffer auch auf Bestellung wie bei Porträts. So war auch "Die Kleine Gärtnerin" eine Auftragsarbeit. Eine Bibliothek bestellte sie für die Kinderabteilung. Es war das erste Mal, daß die Künstlerin eine Skulptur von einem Kind machte, und wie sie sagt, war kein Modell greifbar.
Fast alle ihre Skulpturen zeigen Frauen. Wie Suzanne Peiffer gesteht und sich selbst als eifrige Leserin beschreibt, ist es für sie ganz natürlich lesende Frauen zu gestalten. Sie fügt die Bemerkung hinzu "die meisten meiner Skulpturen zeigen weibliche Figuren". Prompt frage ich sie, warum sie als Hauptthema meist Frauen nimmt und nicht Männer. Die klare Antwort, die ich bekomme, lautet :"Das interessiert mich nicht. Ich bin eine Frau und ich kenne den Frauenkörper besser. Ich habe ein lebendes Modell durch mich selbst".

Dies führte zu Fragen über ihre künstlerische Ausbildung. Suzanne Peiffer wurde 1935 in Pennsylvania geboren, hatte eine wunderbare Kindheit in einer fürsorglichen Familie und wurde von einer "Pennsylvanian Dutch" Großmutter mit selbst gebackenen Kuchen, Sauerkraut ... verwöhnt, erzählt sie mir begeistert. Es sind keine besonderen Talentspuren in ihrer Familie zu finden, erinnert sich die Künstlerin, aber alle Familienmitglieder könnten beschrieben werden mit einem guten Verhältnis zur Kunst.
Wie viele Kinder liebte sie das Malen, doch erst als sie einen begabten Kunstlehrer in der Schule bekam, wurde ihr ihr Talent bewußt und sie fühlte, daß sie sicherlich ein Kunststudium anstreben würde.
Hier ist eine kleine Geschiche, die sie erzählt, und die ihre Zeit charakterisiert. Im Alter von 13 Jahren nahm sie am Zeichenunterricht für menschliche Figuren eines ehrgeizigen Lehrers teil. Er erklärte, ohne die Kenntnis des Aufbaus des Körpers mit Knochen und Muskeln gäbe es keine Möglichkeit, eine bekleidete Person erfolgreich zu zeichnen. Zur Demonstration bat er eine der Schülerinnen der Klasse, sich vor ein Fenser zu stellen, sodaß das Sonnenlicht durch ihre zarte Bluse scheinen konnte. Dadurch konnten die anderen Mädchen die Form des Armes des Mädchens entdecken. Die Schülerinnen konnten mithin durch eigene Anschauung lernen, wie der Stoff fiel und sich faltete, den Arm formend. Am nächsten Tag war der Lehrer gefeuert!
Ohne Titel
Abbildung 4:
Ohne Titel
Ton, 2005, 17" x 9" x 6"high
Dieser bemerkenswerte Vorfall wurde zum entscheidenden Punkt ihres Wunsches weiter mit der Figur in der Kunst zu arbeiten, erklärt sie mir. Ihr Lehrer hatte ihr Interesse an figurativer Kunst geweckt, indem er ihr ein Anatomiebuch gab, bevor er ging. Ihr widmete er dieses Buch, das er selbst seit 25 Jahren besessen und welches er selber von seinem Lehrer bekommen hatte. Suzanne Peiffer behielt das Buch über viele Jahre hin während ihrer Ausbildung in Schule und Universität bis es ihr in ihrer Studienzeit gestohlen wurde. Noch immer vermißt sie es sehr.
Die Künstlerin erhielt eine gründliche Ausbildung in Kunst am Moore College of Art, Philadelphia PA, und später studierte sie bei Peter Lipman-Wulff, Guild Hall, East Hampton NY. Schließlich war sie begierig ihr eigenes Bronzegießen auszuführen und lernte dies in der Bronze Foundry of Stony Brook University, Stonybrook NY. Seither schuf sie viele Kunstwerke, gewann viele Preise für ihre Skulpturen.
Ihr Stil ist eher dem realistischen oder auch klassischen Hintergrund zuzuordnen, obschon sie selbst sich dabei frei in ihrer Interpretation fühlt.
An diesem Beispiel der Kunst können wir klar die Verbindung des lesenden Mädchens oder Frau mit dem Buch erkennen, welches wirklich von ihnen gelesen wird. Auch nehmen wir den starken Bezug der Künstlerin als eifriger Leserin auf ihre Kunst wahr. Alles bedenkend, was sie mir erzählte, erhielt ich das Gefühl, als ob ich sie in jeder ihrer weiblichen Figuren wiederfinden würde, da sie ihr eigenes Modell in dieser oder jener Weise gewesen ist. Vielleicht können wir sagen, sie habe uns viele Aspekte ihrer Selbst als eine Art Porträt gegeben?




Leserbriefe:

Mit Freude auf diese Site gestoßen!!
Heike Sütterlin aus Dresden, Deutschland schrieb am 27. April 2006: Liebe Reading Woman!
Ich bin Bibliothekarin an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Gestern an der Informationstheke hatte ich ein nettes Gespräch bzw. Beratung mit der Buchkünstlerin Friederun Friederichs. Zum Abschied überreichte sie mir eine Postkarte und ihre Visitenkarte. Neugierig geworden, öffnete ich Ihre Internetsite. Ich war begeistert!!! Besonders aber angetan, hatte es mir die Atelier-Vorstellung bei der Künstlerin Suzanne Peiffer. Die Bronze Skulptur "Lesendes Mädchen" strahlt so eine Ruhe aus.
Gern schaue ich wieder im Internet vorbei.
Auf diesem Wege noch einmal viele Grüße an Fr. Friederichs von H. Sütterlin


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