ReadingWoman.org / Essays / 2007 / Nr.10: Begegnung: Luise Duttenhofer und Therese Huber

Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.1008. November 2007

Begegnung: Luise Duttenhofer und Therese Huber

Lesend, schreibend, schneidend

Scherenschnitt von Therese Huber
Abbildung 1:
Scherenschnitt von Therese Huber
Luise Duttenhofer (1776-1829)
Papier, 9,5 x 8 cm

Mit freundlicher Genehmigung von: Deutsches Literaturarchiv Marbach
Zeitlebens zog es Luise Duttenhofer mit Macht zur Kunst, noch fast am Ende ihres Lebens im Dezember 1829 schreibt sie von einem Aufenthalt in München aus: „Mit Thränen in den Augen durchlief ich die Säle der Akademie wo Schüler und Schülerinnen saßen. Warum ward denn so etwas mir nicht auch vergönnt! so lag meine Jugend voll Sehnsucht nach Kunstunterricht vor mir. Jetzt ists zu spät, so sehr ich auch Zeit und Ewigkeit anreihe so thut es der Professor nicht und lacht den alten Thadädl aus." (Anm.1, S.21)

Offensichtliche Begabung, Begeisterung für die Kunst wie leidenschaftliches Wollen reichten nicht aus, daß das Kind und dann das junge Mädchen Luise ihr Ziel, bildende Künstlerin zu werden, in gewünschtem Umfang erreichen konnte.

Als Christiane Luise (Louise) Hummel wurde sie am 5. April 1776 als Tochter des Diakons Georg Bernhard Hummel und seiner Frau Louise Hedwig geb. Spittler in Waiblingen geboren. Beide Eltern stammten aus württembergischen Pfarrfamilien, was für sie sicherlich zunächst nicht als negativ gewertet werden kann, was aber durchaus auch eine Beschränkung auf's Herkömmliche und Traditionelle innerhalb einer schwäbischen Verwandtschaft von Pfarrern mit sich bringen sollte. Der frühe Tod des Vaters (1779) bedingte den Umzug der Mutter mit Luise zu den Großeltern nach Stuttgart, dem Stiftsprediger und Prälaten Jakob Friedrich Spittler und seiner Frau Johanna Christine geb. Bilfinger. Bereits ein Jahr später (1780) stirbt auch der Großvater, und so wuchs das kleine Mädchen geschwisterlos in der Obhut von Mutter und Großmutter heran.

Ihre frühe Lust am Zeichnen und ihr Eifer am Lernen wurde zunächst durch ihren Großonkel, Prälat Heinrich Christoph Bilfinger, Bruder ihrer Großmutter, unterstützt, der dafür sorgte, daß sie Zeichenunterricht erhielt. Aber diese Freude währte offenbar nur kurz und eine weitere Förderung befand dieser, wäre im Rahmen der Erziehung einer höheren Tochter, d.h. hier einer Bürgerstochter neben dem Erlernen der üblichen häuslichen Tätigkeiten und Pflichten nicht vertretbar. Damit war Luise der heiß ersehnte Weg einer Ausbildung zur Künstlerin versperrt. Ohne Fürsprecher und Geldgeber war damals nichts zu machen!
Wir müssen uns zurückdenken in die Zeit des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, der Zeit Schillers und Goethes, als es zwar üblich war, die Töchter aus bürgerlichem Hause bekannt zu machen mit Literatur, Musik und Kunst, aber doch eher in bescheidenem Rahmen von Lesezirkeln, Hausmusik und Besuch von Ausstellungen. Das Dilettieren, sei es beim Komponieren oder Musizieren, in der Dichtung oder gar beim Malen oder Zeichnen, trug, wenn auch nicht selten hohen Ansprüchen genügend, privaten Charakter, blieb für junge Mädchen und Frauen zumeist auf den engen Familien- und Freundeskreis beschränkt und erfuhr nur selten eine Anerkennung in der Öffentlichkeit. Diese recht eng durch Tradition und Verständnislosigkeit gesteckten Grenzen für junge Menschen weiblichen Geschlechts können wir heutige Frauen kaum mehr nachvollziehen. Wir, die wir heute im westlich geprägten Kulturkreis leben dürfen und können, wir, denen die Möglichkeiten zur persönlichen und beruflichen Entwicklung gestattet, ja abgefordert wird von einer Gesellschaft, die soziale Anerkennung am Ergebnis dieser Entwicklung bemißt, mögen die damalige gesellschaftliche Situation für Frauen als befremdlich empfinden.
Um so mehr dürfen unser Respekt und unsere Bewunderung für jene Frauen wachsen, die aus der damaligen Lebenssituation das Beste zu machen versuchten, jede Möglichkeit ergreifend, ihren Lebenstraum zu verwirklichen, wenigstens ihm nahe zu kommen versuchten, der eben nicht nur in häuslichen und ehelichen Pflichten für sie bestand oder gar endete, wie zumeist.

Es gab auch damals Beispiele großartiger Frauen, Malerinnen wie Angelika Kauffmann (1741 – 1807), die als hochbegabte Tochter eines Malers die notwendige Ausbildung zur Künstlerin erhielt und in Europa zur viel beachteten, ja berühmten Malerin ihrer Zeit sich entfalten konnte. Luise Duttenhofer konnte in ihrer römischen Zeit diese bewunderte Künstlerin sogar kennenlernen.

Aber nicht jeder künstlerisch begabten Frau konnte dieser Lebensentwurf zum Lebensweg geraten. Familiäre Umstände, finanzielle Unsicherheit, vielleicht auch mangelnder Mut und Phantasie, die gesellschaftlich bestimmten Grenzen überspringen zu wollen, hemmten sie auf ihrem Weg zum erhofften Ziel.

Der Kupferstecher Christian Friedrich Traugott Duttenhofer

So war die Vermählung 1804 mit ihrem zwei Jahre älteren Cousin, dem Kupferstecher Christian Friedrich Traugott Duttenhofer (1778 - 1848), der ebenfalls einer Pfarrersfamilie entstammte, vielleicht für Luise ein (erstrebter?) Glücksfall, der sie zumindest in die Nähe der heiß geliebten Kunst brachte. Bei ihm, den sie ihren „Hausfreund“ nannte, konnte sie vermutlich Verständnis und wohl auch Unterstützung für ihre künstlerischen Interessen erfahren.

Duttenhofer hatte an der Dresdner und der Wiener Akademie studiert und pflegte Umgang mit den Künstlern seiner Zeit. Nach der Hochzeit reiste das junge Paar nach Rom, wo Duttenhofer seine Studien fortsetzte. Luise nutzte diese römische Zeit zu ihrer künstlerischen Fortbildung, obschon sie dort ihren ersten Sohn Carl Aurel gebar, der jedoch bald darauf verstarb.
Nach ihrer Rückkehr aus Rom ließ sich das Paar in Stuttgart nieder, wo Duttenhofer als Reproduktionsstecher arbeitete. Er übetrug Zeichnungen, Gemälde und Architekturwerke in den Kupferstich, ermöglichte damit deren Veröffentlichung und Verbreitung in der Bildungsbürgerschicht seiner Zeit. Nach 1828 erhielt er eine Professur an der Stuttgarter Kunstschule. Duttenhofer war offenbar ein tüchtiger Kupferstecher, ein Fachmann auf seinem Gebiet, jedoch wohl ohne eigene künstlerische Erfindungsgabe. So arbeitete er beispielsweise u.a. für das Stichwerk von Sulpiz Boisserée, Geschichte und Beschreibung des Doms von Köln, 1823-32.

Vor der Erfindung der Fotografie wurden die Werke großer Künstler in Kupferstichen reproduziert und boten damit dem kunstsinnigen Publikum die Möglichkeit für eine akzeptable Summe sich vertraut zu machen mit den bedeutenden Werken der Kunst.

Silhouettieren und die Kunst des Scherenschnitts

Nicht anders verhielt es sich mit dem Scherenschnitt, dem sich Luise Duttenhofer mit größtem Eifer und Geschicklichkeit zuwandte. Auch er bot einen Zugang zur Kunst und für Luise darüber hinaus eine künstlerische mit eigenen Ideen genährte Tätigkeit.

Der Scherenschnitt, ein kunsthandwerkliches mit einfachsten Mitteln wie Papier und Schere zu gestaltendes Verfahren (Psaligraphie), war wohl ursprünglich in China beheimatet und soll auch persische Wurzeln haben. In Europa war das Ausschneiden ganzer Figuren und Szenen mit dem Messer aus Pergament bereits im 17. Jahrhundert üblich und wurde im darauffolgenden Jahrhundert mit Papier und Schere weiter entwickelt. Scherenschnitte, „Spitzenbilder“ aus weißem Papier in floralen oder ornamentalen Mustern in Faltschnitttechnik geschnitten, dekorierten als Einrahmung noch Ende des 19.Jh vielfach die Andachts- und Heiligenbildchen in der Katholischen Kirche.

Im 18. Jahrhundert gelangte die Kunst des Scherenschnitts zur vollen Blüte.
Dazu verhalf ihr auch die in bürgerlichen wie adligen Kreisen zu großer Beliebtheit gelangte Freizeitbeschäftigung des Silhouettierens, der Wiedergabe eines Schattens von einer Person. Hierzu hielt diese ihren Kopf in Profilstellung so, daß er von einer Lichtquelle (Kerze) beleuchtet, einen Schatten auf einen senkrechten weißen Hintergrund warf. Der Umriß dieses Profilschattens mit seinen scharfbegrenzten Konturen wurde auf Papier übertragen und dann die Binnenfläche mit schwarzer Tusche ausgemalt. So konnte man auf spielerische und kostengünstige Weise eine porträtähnliche Abbildung eines Menschen herstellen. Diese Profilansichten, häufig nur als Büste gefertigt, später auch von der ganzen Person, wurden mit Hilfe eines Storchenschnabels (Pantographen) oder der Camera Obscura auf die gewünschte Größe verkleinert, mit schwarzer Farbe ausgefüllt und auf weißes Papier geklebt. Auch konnte man die Silhouetten gleich aus schwarzem Papier schneiden, sie in Kupfer stechen oder radieren, um zahlreiche Exemplare zu gewinnen. Letzlich wollte man möglichst naturgetreue Abbilder der dargestellten „porträtierten“ Person erreichen, eine freie Gestaltung wurde nicht angestrebt, vielmehr hielt man sich bei diesem Verfahren möglichst exakt an die vorgefundenen Konturen. Diese so gewonnenen Schattenrisse wurden sogar als quasi wissenschaftliches Mittel der Charakter- und Seelendeutung angewandt (vgl. Johann Caspar Lavater, Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe, 4 Bände, 1775 – 1778).
Der Begriff Silhouette geht auf den französischen Finanzminister Ludwigs XIV, Marquis Etienne de Silhouette (1709 – 1767), zurück, der sich sogar aus Kostengründen für die Ausstattung seines Schlosses mit Schattenrissen als Dekoration begnügte, um die Kosten für Gemälde zu sparen.

Die Kunst des Scherenschneidens jedoch, vor allem die freie künstlerische Gestaltung des Motivs, die Komposition einer Genreszene, die sichere Behandlung von Linie und Fläche des schwarzen Papiers, Binnenschnitte und Punktierungen verlangte nach künstlerischer Begabung, einer sicheren Hand und vor allem eines geschulten Auges. Luise Duttenhofer verfügte offenbar über diese Talente in einem großen Umfang, wie ihre Scherenschnitte zeigen. Wann sie sich dieser künstlerisch durchaus anspruchsvollen Tätigkeit zuwandte, womöglich schon als Jugendliche, da überliefert ist, daß sie die Maßwerkmuster der Kirchenfenster nachschnitt, ist nicht bekannt.
Da in den bildungsbürgerlichen Kreisen, in denen sie aufwuchs, sicherlich das Silhouettieren und vielleicht auch die Kunst des Scherenschnitts ausgeübt wurde, ist anzunehmen, daß sie dadurch hierfür Anregungen erhielt.
Da ihr sehnlichster Wunsch Künstlerin zu werden nicht durch eine adäquate Ausbildung ermöglicht wurde, verlegte Luise sich auf die „kleine Schwester“ der bildenden Kunst - so möchte ich die Scherenschnittkunst einmal nennen - , da sie leicht mit Papier und Schere umzusetzen ist, also wenig Materialkosten verursacht, sowie geringen Platzbedarf benötigt. Doch alle Regeln der bildenden Kunst gelten auch für die Schnittkunst, die sich auf Fläche und Umriß beschränken muß. Auch die Perspektive ist nur in äußerst geringem Umfang darstellbar. Luise hat hier versucht, durch perspektivische Rahmungen und perspektivische Fußbodenmuster (Fliesenmuster), eine gewisse Vorstellung von Räumlichkeit zu bewirken. Auch die reliefartigen Muster, die sie von der Rückseite eindrückte, zeigen die gleiche Absicht. Aber der Scherenschnitt ist und bleibt eine Flächenkunst. Auch auf die Farbe mußte Luise verzichten. Zwar wurden auch Schnitte, meist wie eben die vorgenannten Spitzenschnitte, in weißes Papier geschnitten und auf schwarzes Papier aufmontiert, doch verloren sie dadurch ihre Prägnanz. Luise versuchte sich zu helfen, indem sie ihre schwarzen Schnitte gelegentlich auf farbiges Papier aufbrachte, das allerdings zu jener Zeit offenbar schwierig und nur kostspielig zu erlangen war. Die farbige Hinterlegung mag dem Zeitgeschmack entsprochen haben, womöglich stand für das zarte hellrote (oder ist das Papier nur verblichen?) Papier als Hintergrund die rötliche Tonfarbe antiker Vasen Modell, die sie nicht zuletzt in Rom gesehen haben mag.

Luise Duttenhofer war bekannt für ihr schnelles Arbeiten, was sich auch aus der Vielzahl der überlieferten Arbeiten ergibt. In der Regel hat sie wohl ohne Vorzeichnung auf der Rückseite, sondern aus freier Hand gearbeitet. Die Spiegelbildlichkeit von Buchstaben mancher Schnitte beweist aber auch, daß sie die Vorzeichnung zumindest hin und wieder benötigte, da von der weißen Rückseite aus geschnitten wurde. Warum sie dann nicht gleich die Buchstaben auf der Rückseite spiegelverkehrt vorgezeichnet hat, damit sie auf der schwarzen Vorderseite richtig stehen, bleibt unbeantwortet. Kennzeichnend für den Scherenschnitt ist seine Spiegelbildlichkeit, da üblicherweise von der weißen Rückseite, auf der die Vorzeichnung angebracht wurde, geschnitten wurde. Luise legte beim Schneiden das Papier sogar doppelt, sodaß jeweils zwei deckungsgleiche seitenverkehrte Schnittexemplare entstanden. Größere Kompositionen klebte sie teilweise aus mehreren Einzelteilen zusammen.

Themen

Neben den Porträtköpfen, die Luise als naturgetreues Schattenbild aus freier Hand zu schneiden wußte, finden sich in ihrem Werk auch zahlreiche Szenen mit Figurengruppen, die Menschen in ganzer Größe in häuslicher oder landschaftlicher Umgebung zeigen. Häufig werden die dargestellten Figuren mit ihren Attributen gezeigt, die sie ihrem Stand oder Beruf zuordnen. Es entspricht Luisens Stellung in ihrer bildungsbürgerlichen Gesellschaftsschicht, daß sie familiäre Szenen, Interieurs, Kinder und Blumen bevorzugt. Auch wählte sie Motive aus Mythologie, christlicher Überlieferung, Literatur und Märchen, daneben gestaltete sie Pflanzen, Tiere, Arabesken und Ornamente. Offenbar kamen auch bedeutende Ereignisse aus ihrem Leben zur visuellen Darstellung. Zudem erhielt sie Anregungen aus dem Freundeskreis, aus den Begegnungen mit kulturell interessierten Menschen in den von ihr gern besuchten Lesezirkeln.
Für Luise Duttenhofer war dabei die Arbeit am Scherenschnitt offensichtlich nicht nur eine vergnügliche Beschäftigung für Mußestunden, was sie sicherlich auch war, sondern ein heftiges inneres Anliegen, das sie mit intensiven Studien voranzubringen trachtete.
Obschon Luise Duttenhofer für die Pflichten im Haushalt ihrem bürgerlichen Stand entsprechend Unterstützung hatte, fragt man sich doch bei der Fülle der Scherenschnitte, die uns bisher bekannt geworden sind, wann sie diese ausgeführt haben mag. Denn in fast regelmäßigem Abstand gebar sie 7 Kinder, von denen allerdings nur 3 erwachsen wurden: 1807 Tochter Maria Luise, später verheiratet mit Christian Friedrich August Tafel, 1810 Sohn Friedrich Martin, später Regierungs- Pferdearzt und Professor sowie 1812 Sohn Anton Raphael, der Kupferstecher wie sein Vater wurde.
Auch wenn Luise zunächst für sich selbst ihre Scherenschnittkunst ausgeübt haben mochte, um ihrer Sehnsucht nach kreativer Gestaltung Ausdruck zu verleihen, so erlangte sie doch ein bescheidenes Maß an öffentlicher Anerkennung. Sie verschenkte großzügig ihre Schnitte an ihre Freunde und Bekannten, wie beispielsweise u.a. an Ludwig Uhland, Johann Karl Ludwig Schorn, Eduard Mörike, und Johann Wolfgang von Goethe, wobei sie von den kleinen schwarzen Kunstwerken vielfach eine jener doppelt geschnittenen Doubletten zu behalten wußte. Diesem Umstand verdanken wir, daß ein beträchtlicher Teil ihres Werks im Familienbesitz bewahrt wurde und dann im 20. Jahrhundert von den Erben an das Marbacher Literaturarchiv (Anm.3) übergeben werden konnte. Ein Teil ihrer Arbeiten in privatem Besitz ist bekannt, doch mögen sich noch weitere Scherenschnitte (unerkannt?) erhalten haben. Der kleine Kreis der Beschenkten sparte nicht mit Lob und Bewunderung: So heißt es in einem Brief von Friedrich von Matthisson an J. Ch. Fr. Haug von 1825 „Nach dem Essen ward meine Mappe, worin ich Mind’sche Zeichnungen, Duttenhoferische Ausschnitte und andere Kunstblätter aufbewahrte, durchgesehen. Die Ausschnitte der einzigen Künstlerin erregten nicht weniger Bewunderung und erhielten nicht weniger Beyfall, als die gelungendsten Malereyen u. Skizzen des Bären- u. Katzen-Raphaels.“ (Anm.1, S.25)

An eine breitere Öffentlichkeit trat Luise Duttenhofer erstmals in einer Ausstellung ihrer Scherenschnitte in der ersten Stuttgarter Kunstausstellung 1812, worüber Heinrich Rapp im „Morgenblatt für gebildete Stände“ am 5.6.1812 schreibt: „Mad. Duttenhofer, die durch angeborenes Talent es im Ausschneiden aus freyer Hand bis zur Virtuosität gebracht hat, läßt uns einige äußerst zarte allegorische Arabesken sehen“ (Anm.1, S.23). Im Jahre 1824 folgte eine weitere Ausstellung von ihren Scherenschnitten. Ludwig Schorn schreibt im „Kunstblatt“ zum „Morgenblatt“ am 1.11.1824 „Noch haben wir der schönen in schwarzem Papier ausgeschnittenen Compositionen von Luise Duttenhofer zu gedenken, die zwar als Schattenbilder nur den Umriß der Gegenstände geben, aber mit solchem Reichthum der Erfindung, und mit so großer Anmuth und Zartheit ausgeführt sind, daß die Phantasie mit Leichtigkeit das Fehlende ersetzt. Mit vorzüglich viel Geschmack und Feinheit sind gewöhnlich auch die Arabesken behandelt, so daß sie in dieser zarten und scharfen Ausführung einen besonderen Reiz gewähren“ (Anm.1, S.25). Zuvor waren schon Illustrationen nach Scherenschnitten von Luise in Christian Gottlob Vischers „Lautentöne. Eine Sammlung lyrischer Gedichte“ 1821 erschienen, mit denen sie ihren Bekanntheitsgrad steigerte.

Als aber zu Goethes Übersetzung des neugriechischen Gedichts „Charon“ eine Ausschreibung für eine Illustration dazu 1824 im „Morgenblatt für gebildete Stände“ veröffentlicht wurde, verfertigte Luise Duttenhofer als „Frauenzimmer“ zwar einen Scherenschnitt mit ihrer Interpretation des Gedichtes an, der auch, aber außerhalb der Konkurrenz, „nicht als wolle sie mit den Zeichnern in Concurrenz treten“, an Goethe zur Beurteilung gesandt wurde. Dieser ließ durch Heinrich Meyer seine sehr positive Beurteilung schreiben:
„An diese hohen ernsten Bemühungen schließt sich wie ein leichtes heiteres Nachspiel ein kleines, in schwarzem Papier artig ausgeschnittenes Bildchen von einer mit Geschmack und Kunstfertigkeit begabten Dame. /.../ die Figuren dieses Kunstwerks sind alle lebhaft bewegt, großentheils von anmuthiger Gebärde und Wendung, durchgängig wohl gezeichnet. Ferner gebührt der Anordnung des Ganzen alles Lob, denn der Raum ist sehr wohl ausgefüllt, keine Stelle überladen und keine leer. Es versteht sich, daß ein Werk dieser Art engverschränkte Gruppen nicht erlaubt, sondern alle Figuren der Deutlichkeit wegen bis auf wenige Berührung von einander abgesondert zu halten sind“ (Anm.1, S.30). Schöner hätte ein Lob für Luises Kunst nicht ausfallen können und dies von einem der ganz Großen: Goethe!

Künstlerische Fortbildung

Für die Umsetzung ihrer Vorstellungen half sicherlich der in der Kindheit schon genossene Zeichenunterricht. Bis zu ihrem Lebensende wurde Luise Duttenhofer nicht müde, jede Gelegenheit zur Fortbildung ihrer künstlerischen Fähigkeiten, vor allem das Zeichnen zu üben und an der geschauten Kunst ihr Auge zu schulen.

Während des Romaufenthaltes hatte Luise an den dortigen dargebotenen Kunstschätzen lernen können, später nutzte sie offensichtlich jede ihr gebotene Möglichkeit, ihr künstlerisches Können zu vertiefen. Eine gewisse Unterstützung erhielt sie durch den Stuttgarter Bildhauer Johann Heinrich Dannecker, in dessen Werkstatt und Antikensammlung sie zeichnen durfte, auch wenn sie ein wenig undankbar 1828 von München aus schrieb: „denn in der Gerümpel Kammer von Dannekers Parterre, kann man es /Antiken zeichnen/ nicht ordentlich“ (Anm.1, S.19) in Hinblick auf die Möglichkeit des Zeichnens in der Münchner Akademie. Überhaupt ersehen wir erst aus den Münchner Briefen ganz unmittelbar, da weitgehend andere Quellen fehlen, wie zielgerichtet und hartnäckig sie diese Chance auf Fortbildung in ihrer Zeichenkunst verfolgte. Sie besucht die Bibliothek dort und kann den geistlichen Kustoden von ihrem ernsten Interesse überzeugen, sodaß er ihr „die Erlaubniß gab zu kommen“, wann sie wolle. Aber trotzdem mußte sie noch die Genehmigung zu weiterem Besuch und Nutzung bei dem Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Ludwig Schorn, dem Kunsthistoriker, einholen. Gleiches gilt für die Akademie, von der sie vermutet, daß dort „nur Künstlerinen von Profession“ das Zeichnen erlaubt sei. Sie weiß, daß es sie „wohl noch ein schön Stük Arbeit kostet“ (Anm.1, S.19), um in beiden Institutionen ihrem Wissensdurst folgen zu können. Sie nutzt dafür jegliche Verbindung zu den maßgebenden Herren wie Ludwig Schorn, der in Stuttgart das Kunstblatt des Cottaschen „Morgenblattes“ redigierte und seit 1826 eine Professur in München hatte. Es gelingt Luise durch „ein gutes Wort“ leicht zu ihrem „Zwek“ (Anm.1, S.21) zu kommen. Genußvoll schaut Luise sich Arbeiten von Tizian im Kupferstich Kabinett an, fragt zielgerichtet nach Blumenstücken und beurteilt sie. Voller Glück schreibt sie von sich, daß sie nun alles habe, was sie brauche und nun völlig zufrieden sei.

Wir sehen an diesen wenigen Beispielen, wie ungeheuer groß ihr Wunsch nach vertieftem Wissen in der Malerei war, erfahren auch, daß sie über ein vermutlich stattliches Vorwissen verfügte, nehmen wahr, wie intensiv ihr Streben nach Vervollkommnung im Zeichnen war, das sie an Vorbildern übte. Mit großer Bestimmtheit verfolgte sie dabei ihre Ziele, nicht verkennend, daß die Uhr für eine eigene große Kunstkarriere abgelaufen war.
So konnte sie ihre neuen Kenntnisse, die sie bei ihrem sechsmonatigen Aufenthalt in München gewonnen hatte, nicht mehr in ihre Scherenschnittkunst einbringen, da sie nach der Rückkehr am 16. Mai 1829 mit erst 53 Jahren verstarb.
Dabei war Luise keineswegs einseitig auf die Kunst fixiert, sondern beschäftigte sich auch mit Geschichte, Archäologie, Mythologie und Literatur. Sie besuchte die Lesezirkel in Stuttgart und nahm regen Anteil an der Konversation. Das Bildungsbürgertum in Stuttgart war überschaubar, man kannte sich, traf sich und tauschte sich aus. Als kulturellen Mittelpunkt galten die regelmäßig stattfindenden Lesekränzchen im Haus des Geheimrats August Hartmann, dessen Schwiegersohn, des Literaten und Gymnasialprofessors Georg Reinbek sowie die Treffen im Hause des Ministers Wangenheim. Hier erhielt Luise Duttenhofer manche Anregung für ihre Scherenschnittkunst und so mancher Zeitgenosse fand sich anschließend aus schwarzem Papier geschnitten wieder. Dazu gehörte auch Therese Huber.

Scherenschnitt von Therese Huber
Abbildung 2:
Scherenschnitt von Therese Huber
Luise Duttenhofer (1776-1829)
Papier, 17,3 x 20,7 cm

Mit freundlicher Genehmigung von: Deutsches Literaturarchiv Marbach

Begegnung mit Therese Huber

Diese schrieb am 22.11.1816 an Johann Gotthard von Reinhold über die regelmäßigen Zusammenkünfte, wo sie auch „die Frau des Kupferstechers Duttenhofer“ als Anwesende aufzählt. Natürlich müssen sich die beiden Frauen oft und regelmäßig zumindest bei diesen „Lesekränzchen“ begegnet sein und gut gekannt haben, sodaß wir dieser Begegnung nicht nur eine Darstellung im Scherenschnitt von einer lesenden, sondern auch von einer schreibenden Frau haben, einer Frau, Therese Huber, die in der damaligen Zeit berufsmäßig las und schrieb!

Schauen wir uns die beiden undatierten Scherenschnitte einmal an:

Im Deutschen Literaturarchiv Marbach befinden sich zwei Scherenschnitte, die offenbar mit unterschiedlicher Hand mit „Therese Huber“ beschriftet sind. Auf dem kleineren Scherenschnitt, auf einem stockfleckigen Blatt (Abb.1), steht der Name in lateinischer Schrift groß und sorgfältig unter dem Bild, während sich die namentliche Zuordnung auf dem größeren Scherenschnitt (Abb.2) am oberen Blattrand in deutscher Schrift geschrieben befindet. Der Namenszug in deutscher Schrift hat keine Ähnlichkeit mit dem Schriftbild eines abgedruckten Briefes von Luise Duttenhofer von 1828 (Anm.1,S.17). Möglicherweise könnten der oder die Urheber der Schriftzüge durch Vergleich mit anderen erhaltenen Schriften herausgefunden werden.

Auf dem kleinen Scherenschnitt, (Abb.1), der nur 8 cm hoch und 9,5 cm breit ist, sieht man eine Frau am Tisch leicht vorgebeugt sitzen, die Feder schreibbereit in der Hand. Vor ihr liegen Papierblätter, steht das Tintenfaß und dahinter befindet sich noch ein dickes geschlossenes Buch. Offensichtlich wurde die dargestellte Frau mitten in ihrer Arbeit, dem Schreiben, erfaßt. Sie trägt der damaligen Mode entsprechend eine Haube, mit einer Schleife am Oberkopf, einen kurzen Umhang sowie ein langes Kleid mit langen Ärmeln. Tisch und Stuhl sind von großer Einfachheit geschnitten.

Der größere Scherenschnitt, (Abb.2) mit den Maßen 20,7 cm Höhe und 17,3 cm Breite, wurde ursprünglich auf gelbes Papier, das inzwischen etwas ausgeblichen und stockfleckig ist, geklebt. Hier ist die dargestellte Frau beim intensiven Lesen abgebildet. Sie sitzt auf einem Stuhl und hält das aufgeschlagene Buch ganz dicht vor die Augen (Anm.2, S.123). Offenbar war zu diesem Zeitpunkt ihr Augenlicht bereits nicht mehr sehr gut. Auch sie trägt eine Haube und scheint ähnlich gekleidet zu sein.
Luise Duttenhofer hat hier die Leserin nicht direkt am Tisch sitzend, der hier weniger einem Schreib- als einem langen Eßtisch gleicht, abgebildet, sondern etwas seitlich davor. Auf dem Tisch liegen verschiedene Gegenstände wie in der Mitte eine flache größere Schale, in der wiederum drei kleinere Schalen stehen, ein dickes großes Buch und am von der Leserin entgegengesetzten Tischende eine große Vase mit kräftigem Fuß, mit einem duftigen Strauß hochgereckter Blumen gefüllt.
Eine gewisse Räumlichkeit erzielte die Scherenschnittmeisterin, indem sie Tisch und Figur auf einem Fliesenboden darstellt, dessen grafisches Fliesenmuster sich nach hinten verjüngend den Eindruck von Tiefe erweckt.

Schauen wir aber mal genauer hin (Abb.3). Zeigen die beiden Scherenschnitte denn auch die gleiche Person?
Wie wirklichkeitsgetreu schnitt Luise Duttenhofer ihre Porträts? Sind sie aufgrund authentischer Schattenrisse, den Silhouetten nach der Natur, entstanden, oder hat sie mit freier Hand aus der Erinnerung, teils auch spöttisch, karikierend geschnitten?
Sehen wir uns die vergrößerten nachgezogen Profillinien der beiden Frauenköpfe genau an. Sie scheinen wenig übereinzustimmen. Bei der Schreibenden ist die Nase lang und spitz, die Oberlippe zurückgezogen, die Unterlippe weit nach vorne geschoben, bei der Lesenden können wir eine kräftige gebogene Nase erkennen, die Mundpartie ist eher zurücktretend mit einem kräftigem vorragenden Kinn.
Worauf sind diese Unterschiede zurückzuführen? Sind sie eher als unwichtig zu bewerten, kam es nicht auf Genauigkeit der Wiedergabe an, genügte es, die porträtierte Person in ihrem Lebens- und Berufsumfeld bzw mit den ihr zugeordneten Attributen zu zeigen? Schließlich konnte allein aus der Namensnennung auf den Blättern die Zuordnung zu einer Person genügen?
Eine Eindeutigkeit der Identität der beiden auf den Scherenschnitten hier dargestellten Personen scheint mir nicht sicher gegeben. Leider hilft auch ein gemaltes Porträt der Therese Huber in diesem Fall nicht weiter, da es en face diese darstellt. Zumindest wäre es ein Denkanstoß, Silhouetten von Freunden und Bekannten von Luise Duttenhofer auf ihre jeweilige Porträtähnlichkeit hin zu überprüfen, falls es andere Porträtdarstellungen in Öl oder als Radierung gibt.

Nehmen wir, da nichts anderes sicher zu beurteilen ist, die Identität der dargestellten lesenden wie schreibenden Frau als Therese Huber an.

Ausschnitte aus Abbildung 1 und 2
Abbildung 3:
links: Detailausschnitt aus Abbildung 1
rechts: Detailausschnitt aus Abbildung 2


Therese Huber

Wer sich mit dieser für ihre Zeit ungewöhnlichen Frau beschäftigt, merkt schnell, daß diese im Unterschied zu Luise Duttenhofer einen viel bunteren Lebensweg gegangen ist. Zwar sind ihre Lebensläufe in einem bestimmten Rahmen vergleichbar, in ihrer bildungsbürgerlichen Herkunft, ihrem intellektuellen wie künstlerischen Wollen und Streben, ihrer damals nicht ungewöhnlichen Zahl an Schwangerschaften, Geburten und Todesfällen ihrer Kleinkinder, ja sogar in ihrem Todesjahr, doch erzielte Therese Huber mit ihrer Tätigkeit als Redakteurin und Schriftstellerin nicht nur ein ansehnliches Gehalt, sondern erreichte auch ein gutes Maß an Öffentlichkeit, Bekanntheit und Anerkennung. Auch schien Therese Huber das damals von einer Frau aus bürgerlichen Kreisen erwartete Verhalten nicht zu respektieren, sie bewegte sich ganz nach ihren eigenen Vorstellungen und übersprang nach Bedarf auch die gezogenen Grenzen, und das nicht ohne Erfolg. Doch ich greife vor.
Verfolgt man im Detail das bewegte Leben von Theres Huber in einer Zeit voller politischer Umwälzungen und kriegerischer Ereignisse, so kann man über ihre schriftstellerischen und redaktionellen Leistungen nur staunen. Sie schien fast immer schwanger, Geburt und Tod ihrer Kinder wechselten sich ab, nur 4 von 10 Kindern erreichten das Erwachsenenalter! Ihr facettenreiches gut dokumentiertes Leben mit fast laufender Ortsveränderung, die keine Seßhaftigkeit zuließ, und die vielen kurzen Reisen und langen Aufenthalte an fremden Orten markieren ihren Weg. Doch sie verstand es offenbar trotz privater wie finanzieller Schwierigkeiten ein weites Netz an Freundschaften und Bekanntschaften zu spinnen und zu unterhalten, wie Besuche und Gegenbesuche und ihr enormer Briefwechsel (Anm.4) mit den Größen ihrer Zeit deutlich erkennen läßt. Dieser wurde bereits zu einem großen Teil veröffentlicht. So ist ihr Leben auch Gegenstand einer umfänglichen Sekundärliteratur und die Liste ihrer eigenen Aufsätze, Romane, Erzählungen und Reisebeschreibungen lang.

Hier mögen nur einige Stichworte und Stationen den Lebensweg von Therese Huber andeuten.

Therese Huber wurde als Tochter des Göttinger Altphilologen Christian Gottlob Heyne und dessen Frau Therese geb. Weiß am 7. Mai 1764 geboren. Sie verlor früh die Mutter, wurde dann, da der Vater sich erneut verheiratet hatte, in einem französischen Pensionat in Hannover erzogen. Sie heiratete 1785 den jungen und berühmten Kasseler Professor Georg Forster.

Georg Forster (1754 – 1794)

Forster war ein deutscher Naturforscher, Ethnologe, Reiseschriftsteller, Journalist, Essayist und Revolutionär. Er nahm an der zweiten Weltumsegelung James Cooks (1772 – 1775) erst 17jährig als Zeichner zusammen mit seinem Vater, dem Naturforscher und evangelisch-lutherischen Pastor Johann Reinhold Forster teil. Dieser hatte ihn bereits als 10jährigen Knaben auf weite Forschungsreisen mitgenommen. Georg Forster lieferte wichtige Beiträge zur vergleichenden Länder- und Völkerkunde der Südsee und gilt als einer der Begründer der wissenschaftlich fundierten Reiseliteratur. Als deutscher Jakobiner gehörte er zu den Protagonisten der kurzlebigen Mainzer Republik.

Ehejahre

Mit Forster zog die junge Therese nach Wilna, wo er als Pofessor eine Anstellung erhalten hatte. Sie bringt 1786 ihre erste Tochter, Therese, zur Welt. Im darauffolgenden Jahr zieht die Familie nach Göttingen, Doch die Ehe mit dem vielseitigen Wissenschaftler und Forscher lief nicht gut. Es gab Streit, Trennung und Versöhnung. Die zweite Tochter Claire wird 1789 geboren. Forster übernimmt als Bibliothekar eine Stelle in Mainz, wohin ihm die Familie folgte.

In der Zwischenzeit hatte das Ehepaar sich mit Ludwig Ferdinand Huber, dem späteren Ehemann Thereses angefreundet.
Als 1790 Forster für ein halbes Jahr auf eine Reise (Niederrhein, Holland, Frankreich) zusammen mit Alexander von Humboldt geht, beginnt Therese ein Verhältnis mit Huber.
Die 1791 geborene Tochter Luise, vermutlich eine Tochter von Huber, stirbt noch im gleichen Jahr. Der im folgenden Jahr geborene und auch gestorbene Sohn Georg könnte als Vater Forster oder Huber gehabt haben.

Flucht aus Deutschland

There Huber flieht mit ihren Töchtern von Mainz vor den kriegerischen Ereignisse der napoleonischen Zeit zuerst nach Straßburg, dann weiter nach Neuchâtel, wohin ihr Huber folgt.

Ein letztes Mal trifft Therese ihren Ehemann Georg Forster in Travers. Noch während der Scheidungsverhandlungen stirbt Forster 1794 einsam und mittellos an Lungenentzündung in Paris. Er war als Deputierter der Mainzer Republik nach Paris gesandt worden, um dort für den Beitritt der Mainzer Republik zur Französischen Republik zu werben. Eine Rückkehr nach Deutschland war für ihn politisch nicht mehr möglich.

Therese heirat nun noch im gleichen Jahr Ludwig Ferdinand Huber.

Ludwig Ferdinand Huber (1764 – 1804)

Ludwig Ferdinand Huber war ein bekannter deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Journalist, der in Paris als Sohn von Michael Huber (1727 - 1804), der die deutsche Literatur seiner Epoche in Frankreich bekannt gemacht hatte, geboren wurde. Die französische und englische Literatur fesselte ihn besonders, die er auch übersetzte. 1787 wurde er Sekretär der Sächsischen Gesandtschaft in Mainz, wo er bis zur Besetzung durch Frankreich im Jahre 1792 blieb. Er galt dort wie Forster als vorzüglicher Demokrat und Revolutionär.
1798 wurde er Herausgeber der von Cotta verlegten Allgemeinen Zeitung in Stuttgart. Als die Zeitung in Württemberg verboten wurde, verlegte er sie im Jahre 1803 in das bayerische Neu-Ulm und wurde im folgenden Jahr zum Rat für das Bildungswesen in dem neu geschaffenen Regierungsbezirk Schwaben des bayerischen Staates bestellt. Kurz darauf starb er am 24. Dezember 1804.

Schriftstellerei und redaktionelle Arbeit

Therese Hubers Beginn ihrer schriftstellerischen Kariere fällt in die Zeit ihrer Flucht aus Mainz in die Schweiz um 1793. Trotz weiterer Geburten wie Todesfälle der Kinder und weiterer Umzüge nach Bôle, Tübingen und Stoffenried vermag Therese Huber ein umfängliches schriftstellerisches Werk zu schaffen. So erscheinen in den Jahren ab 1793 fortlaufend ihre Werke wie sie auch nach dem Tod 1804 von Ludwig Ferdinand Huber dessen Arbeiten veröffentlicht.

Eine langjährige Mitarbeit an Johann Friedrich Cottas „Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Stände“ beginnt sie 1807. Allerdings verlangte der Verleger von der Witwe, die immerhin noch 6 Kinder zu ernähren hatte, daß sie ihre Artikel anonym oder unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen würde. Diese Verleugnung ihrer Identität war ihr als Schriftstellerin vertraut, denn sie hatte bereits in den vorangegangenen Jahren ihre Romane und Erzählungen unter dem Namen ihres Ehemannes Huber publiziert.*
Sie erweist sich als tüchtige Redakteurin und kann nun ihre Meinung als Frau in einer Zeitung öffentlich machen, ohne daß wohl alle anderen Mitarbeiter, mit denen sie lediglich schriftlich verkehrt, von ihrer Identität als Frau gewußt haben. Sie wird 1816 designierte Redakteurin von Cottas neugegründetem „Kunstblatt“, einer Beilage zum „Morgenblatt“. Zunächst leistete sie zusammen mit Friedrich Haug die Redaktionsarbeit, aber dieser mochte nicht zusammen mit bzw unter einer Frau arbeiten und verließ den Verlag. Später trug Therese Huber die alleinige Veranwortung. Ab 1817 ordnete sie Teile des Blattes neu, dessen Inhalt nun ein stärker allgemeinbildendes Profil erhält. Ab 1823 wird ihr der Verlegersohn, Georg, von Cotta, zur Seite gestellt, es kommt zu Unstimmigkeiten und der Vater Cotta entzieht 1824 Therese Huber die Redaktionstelle. So publiziert sie, inzwischen nach Augsburg umgesiedelt, nur noch Rezensionen und Aufsätze im „Morgenblatt“.
Nach einer kurzen Erkrankung stirbt Therese Huber fast erblindet 1829 in Augsburg.
Wie sehr Therese Huber um die berufliche Anerkennung zu kämpfen hatte, sehen wir an der Reaktion von Friedrich Haug, der nicht unter einem „Frauenzimmer“ arbeiten wollte. Auch die Tatsache, daß sie ihre etwa 60 Erzählungen und Romane unter dem Namen ihres zweiten Ehemannes veröffentlichte und sogar ihr erstes Buch „Emilie“ (1813) noch unter seinem Namen erscheinen ließ, wirft ein klares Licht auf die damalige Situation von schreibenden Frauen. Als sie erst 1819 ihre Erzählungen unter ihrem Namen publizierte, meinte sie, sich noch wortreich dafür entschuldigen zu müssen!

Die hier skizzierten Biographien von einer Scherenschnittkünstlerin wie auch einer Schriftstellerin und Redakteurin, mögen als Beispiele weiblicher Lebensgestaltung in einer Zeit des politischen wie gesellschaftlichen Umbruchs in Deutschland, am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts betrachtet werden. Sie werfen ein klares Licht auf die damalige noch stark familiär wie schichtenspezifisch bestimmte, gesellschaftliche und ökonomische Situation, in der sich gebildete Frauen aus bürgerlichen Schichten befanden und sich zurechtfinden mußten. Von einem sebstbestimmten Leben konnten sie nur träumen, vorausgesetzt, diese Vorstellung wäre überhaupt ihrer Zeit angemessen gewesen.

Das hier gestellte Thema einer Untersuchung über die Darstellung von lesenden bzw schreibenden Frauen in der bildenden Kunst findet in den Scherenschnitten der Luise Duttenhofer ein stimmiges Beispiel. In diesem wird nicht nur eine Lesende bzw Schreibende abgebildet, sondern wir wissen auch in diesem konkreten Fall, daß tatsächlich es sich um eine Frau handelt, die nicht nur ein Buch oder die Feder in der Hand hält, sondern daß sie sogar mit beiden Kulturtechniken des Schreibens und Lesens den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder erwirtschaftete. Buch und Feder werden als Attribute einer bestimmten definierten Person eingesetzt, um ihre Profession zu verdeutlichen, nicht aber um eine ansprechende Darstellung zu erzielen oder gar das Modell in ruhiger Position zu halten. Das Buch, die Feder, häufig als Methaphern für Bildung und Gelehrsamkeit in eine Personendarstellung miteinbezogen, erhalten hier ihre ursprüngliche Bedeutung zurück. Nicht Metapher, nicht Dekoration, sondern unverzichtbare Arbeitsinstrumente sind sie für die dargestellte gebildete Frau.


Anm.1
Alle Zitate aus: Marbacher Magazin, 13/1979, Die Scherenschneiderin Luise Duttenhofer, bearbeitet von Gertrud Fiege
Anm.2
Otto Günther (Hrsg), Aus klassischer Zeit, Scherenschnitte von Luise Duttenhofer, 1937
Hier bildete Luise Duttenhofer ein Fräulein Hartmann auf einem Stuhl sitzend und lesend im Scherenschnitt ab, wobei die Leserin ebenfalls das Buch dicht vor das Gesicht hält.
Gertrud Fiege (Einführung), Scherenschnitte von Luise Duttenhofer, 1978 des Naturforschers und evangelisch-lutherischen Pastors Johann Reinhold Forster
Anm.3
Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat von den Nachfahren von Luise Duttenhofer 1911, 1933 und 1989 knapp 400 Scherenschnitte geschenkt bekommen. Zu dieser beachtlichen Sammlung erhielt Marbach nun im März 2006 erneut aus altem Familienbesitz ein weiteres kostbares Werk. Dieser Scherenschnitt, der in einem kreisrunden Mittelfeld drei spielende Kinder zeigt, ist als einziges bisher bekanntes Werk auf der Rückseite signiert und datiert „Louise Duttenhofer geb. Hummel: fec:1813“.
Anm.4
Therese Huber, Briefe, hrsg von Magdalene Heuser im Max Niemeyer Verlag, eine auf neun Bände geplante Ausgabe der Briefe von Therese Huber





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