ReadingWoman.org / Essays / 2008 / Nr.11: Das Grabmal Kaiser Maximilians I. und seine lesenden Frauen

Friederun Hardt-FriederichsEssay Nr.1123. August 2008

Das Grabmal Kaiser Maximilians I. und seine lesenden Frauen

Was hat das Grabmal eines bedeutenden Kaisers mit lesenden Frauen zu tun, so werden Sie sich bei dieser Überschrift sofort fragen.

Nun, beim Betreten der Hofkirche in Innsbruck, im Volksmund Schwarzmanderkirche genannt, wusste ich das auch noch nicht, was sich aber sofort änderte, sobald ich näher an das Grabmal herantrat.

Das Grabmal Kaiser Maximilians I.

Herzogin Zimburgis von Masovien
Herzogin Zimburgis von Masovien
Herzogin Maria von Burgund, Königin Elisabeth von Görz-Tirol und Herzogin Kunigunde von Bayern
Herzogin Maria von Burgund, Königin Elisabeth von Görz-Tirol und Herzogin Kunigunde von Bayern (von links nach rechts)
Mitten in der dreischiffigen Basilika steht das Hochgrab Maximilians I.,(1459 - 1519),(Anm. 1), umgeben von einem schmiedeeisernen Gitter. Seine Gebeine ruhen allerdings bis heute noch nicht darin, sondern sind seinem letzten Wunsch entsprechend in der St.Georgskapelle in der Wiener Neustädter Burg beigesetzt. Er hatte sich das durchaus anders vorgestellt, als er frühzeitig den Auftrag gegeben hatte, 40 überlebensgroße Bronzestatuen von seinen Ahnen, Verwandten und Vorbildern als Totengeleit für sein Grabmal zu schaffen. Davon sind allerdings nur 28 Figuren fertiggestellt worden und geben nun dem Kenotaph in der Hl. Kreuz- oder Hofkirche das Trauergeleit. Die Kirche mitsamt einem Franziskanerkloster wurde in den Jahren 1553 bis 1563 erbaut, um das Grabmal aufzunehmen, also lange nach dem Ableben des Kaisers, aber auch dann waren die 40 vorgesehenen Bronzestatuen noch nicht vollendet.

Die schwarzen Statuen sind erhöht auf einem Sockelband rechts und links zwischen den Pfeilern, jeweils in Vierergruppen, aufgereiht, und beherrschen das Kirchenschiff mit ihrer schieren Zahl und übermenschlichen Größe (bis 250 cm). Schreitet man die beiden Reihen ab, so findet man die weiblichen Figuren in je einer der Vierergruppen dem Lettner am nächsten stehend. Vor dem Zugang zum Chor befinden sich noch jeweils rechts und links zwei Skulpturen, wovon eine die unglückliche Königin Juana von Spanien darstellt.

Die Großbronzen

Von den 28 Großbronzen sind 8 Bildnisse von Frauen. Von diesen haben vier Frauen ein geöffnetes Buch in ihrer linken Hand (die Rechte ist dem Halten der Kerze vorbehalten), eine von ihnen liest ganz offensichtlich in ihrem aufgeschlagenen (Gebet ?) Buch.
Da ist meine Neugierde vollends geweckt. Wer waren diese Frauen?
Einigen sind Inschriften beigegeben. Ein Aufsicht führender Student beginnt mühevoll sich die Namen ins Gedächtnis zu rufen, doch da kaufe ich lieber die kleine Schrift von Erich Egg, (Anm. 2), auf die ich nun zurückgreifen kann.
Herzogin Maria von Burgund (1457 -- 1482), Königin Elisabeth von Görz-Tirol (1263 - 1313), Herzogin Kunigunde von Bayern (1465 - 1520) und Herzogin Zimburgis von Masovien (1394 od. 1397 - 1429) (Anm. 2) haben als Attribut ein Buch dabei. Die weiteren weiblichen Bronzen zeigen neben der schon erwähnten Juana von Spanien, Königin Elisabeth von Ungarn (1396 - 1443), Erzherzogin Margaretha von Österreich (1480 - 1530) und Kaiserin Maria Bianca Sforza (1472 - 1511). Alle Frauen, ob mit oder ohne Buch sind in kostbare Kleider nach der Mode ihrer Zeit gehüllt dargestellt, edle Stoffe, Schmuck, Krone oder Kopfputz weisen auf ihre Bedeutung und ihre Stellung hin. Ihre Gesichter zeigen individuelle Züge und sind entweder nach Vorlagen wie Gemälden und Stichen oder aber auch nach der noch lebenden Person gefertigt, sodaß es sich wohl meist um porträtnahe Darstellungen handelt. Denn Kaiser Maximilian I. hatte großen Wert darauf gelegt, dass die Bronzestatuen größtmögliche Ähnlichkeit mit den darzustellenden Personen erhielten. Er beauftragte deshalb bereits 1502 den Münchner Maler Gilg Sesselschreiber damit, aufgrund historischer Darstellungen entsprechende Entwürfe für die Skulpturen anzufertigen.
Die männlichen Bronzestatuen (Anm. 3) wurden mit den Insignien der Macht, Krone, Reichsapfel, Schild, Schwert und Wappen, das auch manchen der Frauen beigegeben wurde, ausgestattet, und werden in voller Rüstung oder wie bei den Frauen auch in den landestypischen Prunkgewändern ihrer Zeit und entsprechend ihrer Stellung, beispielsweise als König oder Herzog, gezeigt. Jede der Statuen ist mit äußerster Sorgfalt modelliert, feinste Details an Rüstung oder Stoffen sind wiedergegeben, dabei wiederholen sich weder die Rüstungen noch die eleganten Roben der adligen Frauen. Für Kostümkundler dürften diese Plastiken von großem anschaulichem Wert sein, ja auch für Modeschöpfer eine Fundgrube für modische Details oder Schnittführungen. Die Gewänder fallen in üppigem Faltenwurf, zeigen sich verschwenderisch bestickt und mit Perlen verziert, Brokat, Seide, Samt und Spitze sind so delikat gearbeitet, daß sie fast ihre bronzene Härte vergessen lassen.
Von dem komplizierten und zeitaufwändigen Herstellungsprozess einer Bronzefigur vom ersten Entwurf, dem Modell, bis hin zum Guß, berichtete uns bereits die Bildhauerin Suzanne Peiffer (Anm. 4). So haben wir eine ungefähre Vorstellung davon, mit welchen Schwierigkeiten die Künstler und Metallgießer zu Anfang des 16. Jahrhunderts zu kämpfen hatten, als sie den Großauftrag Kaiser Maximilians I. für 40 Großplastiken, den überlebensgroßen Statuen von Ahnen, den Statuetten von 100 Heiligen des Hauses Habsburg sowie 34 Büsten der römischen Kaiser erhielten. Offenbar war dieses Großprojekt nicht auf die Schnelle zu realisieren, denn außerhalb Italiens waren solche großen Bronzestatuen noch nicht gegossen worden. Zunächst erarbeitete der bereits erwähnte Maler Gilg (Egidius) Sesselschreiber den Entwurf, nach dem dann der Bildschnitzer Sebastian Häusserer originalgroße Holzmodelle anfertigte. "Diese wurden auseinandergeschnitten, mit Lehm und Wachs überzogen, aus Bronze und Messing hohl gegossen und dann mit Verstärkung durch Eisenstäbe zusammengeschweißt. Dieses umständliche Verfahren und die mangelnde Praxis im Guß brachten Verzögerungen mit sich. Im Jahre 1518 übernahm der aus Nürnberg stammende Gießer Stefan Godl anstelle Sesselschreibers in Innsbruck den Auftrag für die großen Statuen und stellte sie jeweils im ganzen Stück nach der Methode des verlorenen Gusses ohne Holzmodell her. In der Folge haben er und sein Modellierer Leonhard Magt 18 Statuen vollendet" (Anm. 2). Zwischenzeitliche Fehlschläge, der Tod Godls sowie finanzielle Engpässe führten schließlich 1550, also lange nach der Beauftragung durch Kaiser Maximilian I. und lange nach dessen Ableben zum Ende der Herstellung der Großskulpturen. Doch geben allein schon die fertiggestellten 28 Großplastiken ein beeindruckendes Totengeleit, wenn auch für einen leeren Sarg.

Herzogin Zimburgis von Masovien

Hand der Herzogin Zimburgis von Masovien
Portrait von Herzogin Zimburgis von Masovien
Doch schauen wir uns die Statuen ein wenig näher an. Herzogin Zimburgis von Masovien hält ihr Buch mit ihrem beringten Zeigefinger offen, damit sie ihre Lesestelle wieder leichter finden kann, was die Unmittelbarkeit des Momentes ausdrücken mag. Die Skulptur mit einer Höhe von 231 cm wurde 1511 begonnen und, also noch zu Lebzeiten Kaiser Maximilians I., 1516, von Sesselschreiber und seinen Mitarbeitern entworfen, modelliert und gegossen. Ihr spätgotischer Eindruck wird auf ein zeitgenössisches Porträt der Dame zurückgeführt, das dem Künstler vorgelegen habe. Die polnische Prinzessin war die Großmutter Maximilians und die Gemahlin Herzog Ernsts des Eisernen (1377 - 1424), der ebenfalls wie ihr Sohn, Kaiser Friedrich III. (1415 - 1393), zum Totengeleit gehört. Der Dame wird trotz ihrer Zierlichkeit in der Darstellung, die auch von einem üppigen Faltenwurf eines Umhangs und gebauschter Ärmel und weiten Rocks, nicht verleugnet werden kann, nachgesagt, sie hätte Hufeisen mit der Hand verbiegen, mit den Fingern Nüsse zerbrechen, ohne Hammer mit der bloßen Hand Nägel in die Wand schlagen, mit der bloßen Hand Eisennägel aus der Wand ziehen können und was sonst noch an Legenden kolportiert wird... Nun, warum sollte sie da nicht auch das Gebetbuch in behandschuhtem festen Griff halten. Neben ihrer nachgesagten außergewöhnlichen Körperkraft soll sie eine aufgeworfene Unterlippe besessen haben, die sogenannte "Habsburgerlippe", die sie als Stammmutter der Habsburger diesen bis heute mitgegeben habe. Die Bronzestatue läßt dieses Merkmal allerdings nicht erkennen. Leider erfahren wir nichts über ihre Belesenheit oder Erziehung, nehmen aber diese als gegeben an, da sie dem Hochadel Polens entstammte.

Herzogin Maria von Burgund

Hand der Herzogin Maria von Burgund
Portrait der  Herzogin Maria von Burgund
Einen festen Griff hätte man auch von einer leidenchaftlichen Reiterin erwarten dürfen. Aber Herzogin Maria von Burgund, die durch die Folgen (Fehlgeburt) eines Jagdunfalls in jungen Jahren zu Tode kam, hält ihr Gebetbuch nur mit spitzen Fingern, allerdings nutzt sie ihren Zeigefinger auch als Lesezeichen. Auch sie trägt fein gearbeitete Handschuhe. Die Statue, sie wird auf 1513 / 1516 datiert, ist mit einer Höhe von 218,8 cm ein wenig kleiner als die Statue der Zimburgis geraten und stammt ebenfalls von Gilg Sesselschreiber und seiner Werkstatt mit Entwurf, Modell und Guß. Die vorbereitende Zeichnung konnte sich an den Gemälden Marias von Burgund (Anm. 5), die als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit galt, orientieren, sodaß die Skulptur eine Porträtähnlichkeit besitzt. Auch wird die junge Dame in burgundischer Tracht ihrer Heimat, einem eleganten Brokatkleid mit burgundischer Haube, dargestellt.
Maria von Burgund, die erste Gemahlin von Kaiser Maximilian I., war die Tochter und einziges Kind Herzog Karls des Kühnen von Burgund, der ebenfalls als Statue dargestellt wurde. Als Kind lebte sie zunächst mit ihren Eltern auf der Festung Quesnoy im südlichen Hennegau, wurde dann aber schon im Alter von nur 6 Jahren von diesen getrennt, da diese in die Niederlande zogen, wo ihr Vater Statthalter wurde. Maria wurde in der Folgezeit in Gent, dem Sitz der Grafen von Flandern von einer Madame d'Haleweyn erzogen. Ihre Erziehung und Ausbildung folgte ihrem sozialen Stand entsprechend und so erhielt das Mädchen Unterricht in Religion, Geschichte, Latein, Handarbeit, Reiten und Jagen. Sie beherrschte zweisprachig aufwachsend beide Landessprachen, das Flämische wie das Französische. So wird Maria von Burgund die Gebete auswendig gekonnt und einen vergewissernden Blick in das Gebetbuch wohl kaum nötig gehabt haben.
Nach dem Tod des Vaters in der Schlacht bei Nancy 1477 erbte Maria das Burgundische Reich, zu dem außer dem Herzogtum Burgund auch die Niederlande (Flandern, Brabant, Luxemburg und Holland ) gehörten, und heiratete noch im gleichen Jahr den späteren Kaiser Maximilian I. Dies mag aus politischen Beweggründen erfolgt sein, doch teilten beide das Interesse an der Jagd, um so tragischer war ihr Sturz vom Pferd bei einer gemeinsamen Falkenjagd. Es heißt, Maximilian hätte ihren frühen Tod nie verwunden. Ihre Kinder, der spätere König Philipp der Schöne und die spätere Erzherzogin Margaretha von Österreich, sind ebenso beide im Totengeleit zu finden. Maximilian I. hatte wohl im Angedenken an seine geliebte erste Gemahlin die Erzählung über seine Werbung und Brautfahrt im Theuerdank in Form eines Versepos 1517 selbst herausgegeben.
Mit Maria von Burgund haben wir eine Frau kennengelernt, die sehr sorgfältig erzogen und gemäß ihrer gesellschaftlichen Stellung sicherlich auf hohem Niveau ausgebildet wurde. Sicherlich darf man sich fragen, ob das Attribut eines Buches, das einer dargestellten Frau beigegeben wird, wirklich charakteristisch und zutreffend für diese sein mag. Bei Maria von Burgund können wir dies mit Sicherheit annehmen.

Herzogin Kunigunde von Bayern

Hand der Herzogin Kunigunde von Bayern
Portrait der Herzogin Kunigunde von Bayern
Dies gilt umso mehr für Herzogin Kunigunde von Bayern. Sie ist eine der beiden anderen adligen Damen, die ein aufgeschlagenes Buch in der Hand halten. Kunigunde war die einzige Schwester Maximilians I. und Gemahlin Herzog Albrecht IV. von Bayern, der allerdings in der Skulpturenreihe fehlt. Nach dessen Tod, im Jahre 1508, zog sie sich in ein Frauenkloster, in das Pütrich-Regelhaus, in München zurück, wo sie gemeinsam mit den Franziskanerinnen ihren Lebensabend verbrachte (Anm. 6). Sie war von tiefer Frömmigkeit und lebte in größtmöglicher Einfacheit im Pütrich-Regelhaus, sodaß sie kaum einen nennenswerten Nachlaß den Franziskanerinnen hinterließ. Sie ist die Einzige, die tatsächlich in das geöffnete Gebetbuch schaut. Offensichtlich konnte sie durch ein geöffnetes, also im Gebrauch befindliches Buch charakterisiert werden, wie sie auch auf einem Glasfenster der Kartause Prüll bei Regensburg mit einem Buch in der Hand gezeigt wird (Anm. 7). Ihre Belesenheit war demnach in der Öffentlichkeit bekannt. Sie hatte wie damals üblich die gründliche Erziehung einer hochgestellten Tochter erhalten. Von ihr weiß man, daß sie nicht nur eine eigene kleine kostbare Bibliothek besaß,- etliche Bücher sind noch erhalten -, sondern auch, daß sie eigenhändig Anmerkungen in die von ihr benutzten Bücher schrieb. In ihrer reichhaltigen Bibliothek mit Handschriften und Drucken befanden sich zumeist Texte frommen Inhalts wie Gebetbücher und Bibeln, aber auch Prachthandschriften wie das "Buch der Abenteuer der Ritter von der Tafelrunde", mit dem Allianzwappen des Herzogspaares Kunigunde und Albrecht versehen, oder vermutlich auch der zeitgenössische Roman "Pontus und Sidonia", nach dem Kunigunde eine ihrer Töchter Sidonie benannt haben soll. Auch Übersetzungen aus dem Lateinischen wie Senecas "De consolatione ad Martiam" befanden sich in ihrem Bücherschatz (Anm. 8). Wir haben es hier also mit einer lese- wie schreibkundigen Dame zu tun, die gewiß einen nicht unbeträchtlichen Einfluß auf Familienangelegenheiten der herrschenden Adelshäuser sowie deren Politik und ihre unmittelbare Umgebung nahm. So ist belegt, daß die Schreibtätigkeit der Schwestern im Pütrich-Regelhaus während des Aufenthaltes von Kunigunde auffällig angewachsen war. Kunigunde war demnach nicht nur, wie es ihr Stand verlangte, entsprechend gebildet, sondern las tatsächlich in ihren Büchern, wie ihre Anmerkungen verraten. Die Skulptur von 1516 / 17 zeigt sie noch in zeitgenössischer reich verzierter Robe, nicht als schlichte Bewohnerin des Pütrich-Regelhauses der Franziskanerinnen. Ihre Entscheidung für ein Leben in Armut und christlicher Demut als Witwe war nicht genehm gewesen und man wollte sie lieber als strahlende Herzogin in Erinnerung behalten. Mit Daumen und Zeigefinger hält sich Kunigunde von Bayern gleich zwei Seiten des Buches offen, als könne sie das zweite noch zu lesende Gebet nicht erwarten.
Entwurf, Modell und Guß der 208 cm hohen Bronzeskulptur wird Gilg Sesselschreiber und seinen Mitarbeitern Sebastian Häusserer und Christof Sesselschreiber zugeordnet, wobei auch vermutet wird, dass der Entwurf von Hans Leinberger stammen könnte.

Königin Elisabeth von Görz-Tirol

Hand der  Königin Elisabeth von Görz-Tirol
Portrait der Königin Elisabeth von Görz-Tirol
Die andere und letzte der adligen Damen mit wiederum geöffnetem Buch, dessen Seiten gerade von einem Windstoß geblättert zu sein scheinen, ist Königin Elisabeth von Görz-Tirol. Sie war die Tochter des Grafen Meinhard II. von Görz-Tirol und Elisabeth von Bayern. Sie ehelichte den Habsburger König Albrecht I., den Sohn König Rudolfs. Albrecht I. steht als Skulptur ebenfalls in der Hofkirche. Königin Elisabeth von Görz-Tirol gebar 21 Kinder und wurde die Stammmutter der Habsburger. Sie gilt als willensstarke Persönlichkeit, nicht ohne Interesse an realpolitischen und wirtschaftlichen Fragen, die sie eigenständig und erfolgreich als Aufgaben löste. So förderte sie wesentlich die Salzproduktion in Hallstatt. Als 1308 ihr Gemahl, Albrecht I., wegen Erbstreitigkeiten innerhalb der Habsburgerfamilie ermordet wird, verlangt sie nachdrücklich die Bestrafung der Mörder. Obschon Elisabeth als Königin erfolgreich die Politik der Habsburger bestimmte, zog sie sich in das Kloster Königsfelden, das sie an der Stelle der Ermordung ihres Mannes hat erbauen lassen, zurück.
Natürlich dürfen wir auch bei Elisabeth eine sorgfältige Erziehung voraussetzen, wenngleich nichts über ihre Beziehung zur Literatur, zu Büchern allgemein, bekannt ist. Doch hätte sie wohl kaum ohne gründliche Kenntnisse die politischen wie wirtschaftlichen Aufgaben, die ihr Albrecht I. zuwies, bzw die sie nach dessen Tod übernehmen mußte, erfolgreich lösen können. Als Witwe dann in das selbst gestiftete Kloster einzutreten, lag in damaliger Zeit nahe.
Die Bronzefigur trägt ein faltenreiches, glatt fließendes Gewand mit Fransen an den Ärmeln. Ungewöhnlich erscheinen die zwei langen Zöpfe, die den Rücken schmücken. Elisabeths Krone ist verloren gegangen und der Haarschmuck ist wie der untere Teil des langen Zopfes ergänzt worden. Möglicherweise diente ihr verloren gegangenes figurales Grabmal in Königsfelden, im Aargau, als Anregung. Aufgrund des Stils und seiner künstlerischen Qualität wird die Zuschreibung der 221,2 cm hohen Bronze von 1516 an Gilg Sesselschreiber, was Entwurf, Modell und Guß anlangt, angezweifelt.

Das Buch als Attribut

Alle vier uns interessierenden Frauengestalten, die ein Buch (Anm. 9) halten, wurden von Gilg Sesselschreiber und seiner Werkstatt ausgeführt.
Warum ausgerechnet diese adligen Damen mit einem Buch dargestellt wurden und nicht alle oder doch noch einige mehr, vermag ich nicht zu sagen, denn eine Lese- wie auch Schreibfähigkeit muß bei ihrer gesellschaftlichen Stellung als ausgeprägt gelten. Inwieweit Gilg Sesselschreiber sich an Vorgaben auch hinsichtlich dieser Frage halten konnte oder mochte, muß ebenso unbeantwortet bleiben. Vielleicht liegt die Antwort darin, daß die vier Frauenskulpturen ohne Buch von dem Künstler Leonhard Magt modelliert und von Stefan Godl gegossen wurden, wobei sie allerdings von unterschiedlichen Meistern, nämlich von Hans Polhaimer, Jörg Kölderer sowie Ulrich Tiefenbrunn entworfen wurden. Die Darstellung eines Gebetbuchs als Zeichen tiefer Frömmigkeit im Zusammenhang von Grabdenkmälern oder Sarkophagen findet sich häufig, da es um das Seelenheil des Verstorbenen ging und Fürbitte geleistet werden sollte.

So stehen wir wiederum vor einigen unbeantwortbaren Fragen: Warum wurden vier der acht adligen Damen des Trauergeleites mit Buch und vier ohne Buch bzw ohne jegliches andere Attribut modelliert? Die Voraussetzungen scheinen mir doch für jede der Frauen gegeben gewesen zu sein. Der Zusammenhang des Gebetbuches mit der Trauerkultur ist nachvollziehbar. Doch läßt sich eine bewußte Aussage mit der Beigabe eines Buches durch den Künstler erschließen? Alle weiblichen Skulpturen mit dem Buchattribut wurden noch zu Lebzeiten Kaiser Maximilians I. ausgeführt. Kann daraus geschlossen werden, daß der Auftraggeber dahingehend Einfluß genommen hat, daß er diese Frauen aus seiner Sicht mit einem Buch ausgestattet als belesen , klug und fromm charakterisiert haben wollte? Er selbst, kenntnisreich, gebildet und von tiefer Frömmigkeit war an Literatur und Poesie interessiert. Er schätzte die Klugheit seiner ersten Gemahlin, Maria von Burgund, während er seine zweite Frau Maria Bianca Sforza verächtlich als dumm bezeichnet haben soll. Wir wissen nicht, in welchem Ausmaß Maximilian I. den Fortgang der Arbeit an den Skulpturen beaufsichtigte, dennoch ist es wahrscheinlich, daß er großen Anteil daran nahm, da es für ihn eine Herzensangelegenheit war, ein ruhmreiches Gedenken seiner Person und des Hauses Habsburg sicherzustellen. So wird das Attribut des Buches in der Hand der Frauen (Anm. 10) keineswegs zufällig gewählt worden sein.



Anm. 1: Als Begründer des habsburgischen Reiches, das er durch Heiratspolitik und Erbschaften zu vermehren wußte, hatte Kaiser Maximilian I. einen für seine Zeit ungewöhnlichen Plan erdacht. Zur Ehre und Ruhm des Hauses Habsburg wollte er ein in seiner Größe und Bedeutung für alle Zeit einzigartiges Denkmal schaffen: Ein Grabdenkmal für ihn selbst, das eben so sehr ein politisches Denkmal des Anspruches des Hauses Habsburg auf seine führende Rolle in Europa sein sollte. Maximilian I. galt als der "letzte Ritter" am Ausgang des 15. Und beginnenden 16. Jahrhunderts, der persönlich noch tapfer kämpfte. Er pflegte mittelalterliche Traditionen wie glanzvolles höfisches Leben, Ritterspiele, Turniere sowie Jagdpartien. Dabei war er hochgebildet, beherrschte 7 Sprachen, interessierte sich für technische Entwicklungen seiner Zeit, insbesondere für Waffentechnik und wurde zum bedeutenden Förderer der Wissenschaften und Künste, immer dabei darauf bedacht, den Ruhm sowie Nachruhm seiner Person und des Hauses Habsburg zu vermehren. Dieses Ansinnen findet sich auch in seinem Wunsch nach möglichst authentischer Wiedergabe seiner individuellen Züge auf Gemälden und Drucken wie auch im Wunsch und Order, die von ihm in Auftrag gegebenen Bronzestatuen möglichst wirklichkeitsgetreu zu gestalten. Maximilian I. verfaßte autobiographische Werke wie "Weißkunig", die Geschichte seines Vaters und seiner Jugend, sowie "Theuerdank", die Geschichte seiner Brautfahrt zu Maria von Burgund und die Kämpfe um deren Erbe. Während seiner vierzigjährigen Regierungszeit war Maximilian I. in insgesamt 25 kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Dabei führte sein Machtkampf mit den Reichsfürsten 1495 zum Reichstag zu Worms, auf dem es zu einem Kompromiß mit den Reichsständen kam. Maximilian proklamierte den "Ewigen Landfrieden", die Errichtung des Reichskammergerichts und die Erhebung des Reichspfennigs. Bei allem war Maximilian bestrebt, insbesondere durch eine Heirats- und Vertragspolitik die Macht des Hauses Habsburg sowie dessen Herrschaftsgebiet zu stärken und zu erweitern. Aber auch durch Reformen in Gesellschaft und Wirtschaft versuchte er eine allumfassende Reichsordnung herzustellen.
Lexikon der deutschen Geschichte, Hrsg Gerhard Taddey, Stuttgart 1977
Meyers Großes Personenlexikon, Mannheim 1968
Gisela Sachse in: Kulturberichte 2/02: Kaiser Maximilian I. – Bewahrer und Reformer
http://www.aski.org/kb_202/kb202maximilian.htm

Anm. 2: Erich Egg, Das Grabmal Kaiser Maximilians I. Hofkirche in Innsbruck, Innsbruck 1993

Anm. 3: Der Vollständigkeit halber seien hier die Namen der dargestellten Männer aufgeführt (nach Egg, siehe auch dort die vorzüglichen Abbildungen und den Grundriß der Hofkirche mit den eingezeichneten Standorten der Skulpturen): König Albrecht II. (1397 - 1439), Kaiser Friedrich III. (1415 - 1493), Markgraf Leopold III. der Heilige (1095 - 1136), Graf Albrecht V. von Habsburg ( gestorben 1239/40), Herzog Leopold III. der Biedere (1349 - 1386), Herzog Friedrich IV. mit der leeren Tasche (1382 - 1439), König Albrecht I. (1248 - 1308), König Gottfried von Bouillon (gestorben 1100), König Ferdinand der Katholische von Aragon (1452 - 1516), Herzog Philipp der Gute von Burgund (1396 - 1467), Herzog Karl der Kühne von Burgund (1433 - 1477), Erzherzog Sigmund der Münzreiche (1427 - 1496), König Artus (6.Jh.), König Ferdinand von Portugal (gestorben 1383), Herzog Ernst der Eiserne von Österreich (1377 - 1424), König Theoderich (454 - 526), Herzog Albrecht II. der Weise (1298 - 1358), König Rudolf I. von Habsburg (1218 - 1291), König Philipp der Schöne (1478 - 1506) und König Chlodwig (465 - 511)

Anm. 4: Vgl. Essay Nr 9, 2006

Anm. 5 : Einige Abbildungen der Gemälde sind im Internet zu finden.

Anm. 6: Eine ausführliche Würdigung Kunigundes bringt: Karina Graf, Kunigunde, Erzherzogin von Österreich und Herzogin von Bayern-München (1465 - 1520), eine Biographie, Mannheim 2000

Anm. 7: Das Glasfenster in der Kartause Prüll bei Regensburg zeige sie auch mit einem Buch in der Hand: Graf, S.182

Anm. 8: Karina Graf , S. 182ff , listet minutiös die Bücher im Besitz von Kunigunde auf.

Anm. 9: Vgl. zum Buch als Attribut meine Einleitung zum Projekt ReadingWoman

Anm. 10: Die Frage sei erlaubt, warum keinem der dargestellten Fürsten und Könige ebenfalls ein Buch beigegeben wurde. Allerdings findet sich ein geöffnetes Buch beispielsweise in der Hand der Skulptur des Hl. Maximilians, des Kaisers Namenspatron, einer der 23 ausgeführten Statuetten der Heiligen des Hauses Habsburg und seiner Verwandtschaft. Die Statuette der Hl. Ermelindis hält ebenfalls ein geöffnetes Buch in den Händen, aber das verwundert nicht.






Leserbriefe:

greetings
Angela aus beirut, Lebanon schrieb am 22. Februar 2011: hello,

First of all i am very impressed with the insightful and detailed information that you have spent so much of your dedication and time. I am a fine arts student myself and it happens that my masters thesis is about the woman reader in the visual arts, mainly in the Victorian age.As a result, it would mean a lot to me if i could get any essays about this subject and i will gladly put your site as one of my references, for the woman reader is a difficult subject to research and discuss.


Sincerely,

Angela


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